Titel: Kunst der Fiktion der Kunst · von Stefan Koldehoff · S. 38
Titel: Kunst der Fiktion der Kunst , 2010

Stefan Koldehoff

Die Mutter aller Mythen –

wie Julius Meier-Gräfe van Gogh zum Popstar machte

Als 1911 Gustav Pauli für 30.000 Mark das Gemälde „Das Mohnfeld“ (F 581)1 von Vincent van Gogh (1853 bis 1890) für die Bremer Kunsthalle erwarb, führte dieser Ankauf zu heftigen Protesten konservativer Künstler2. Zu ihrem Sprecher machte sich der Landschaftsmaler Carl Vinnen (1863 bis 1922), der zunächst in einem Beitrag für die „Bremer Nachrichten“ unter der Überschrift „Mahnwort an den Kunstverein“ gegen den Ankauf protestierte3 und dann ein entsprechendes, 15 Seiten umfassendes Pamphlet mit der Bitte um Stellungnahme an verschiedene Künstler und Publizisten verschickte: Mit nationalistischen Argumenten versuchte Vinnen vor allem, gegen die angebliche Vormachtstellung des französischen Impressionismus in Deutschland zu protestieren. Der Kunsthandel wurde dabei als manipulierende Clique dargestellt, die geschmähte Kunst als vor allem interpretationsbedürftig; „wirkliche Werte“ aber, so Vinnen, bedürften keiner Erklärung. Außerdem sei das van Gogh-Bild zu teuer gekauft worden, während gleichzeitig deutsche Künstler keine ausreichende finanzielle Förderung erführen. Später im Verlauf des Jahres 1911 erschien dann im eher konservativen Verlag Eugen Diederichs in Jena Vinnens Textsammlung unter dem Titel „Ein Protest deutscher Künstler“4. Noch im selben Jahr reagierte darauf die progressive deutsche Kunstszene: 75 Galerieleiter, Künstler, Schriftsteller, Händler und Sammler – darunter so unterschiedliche Temperamente wie Karl Ernst Osthaus und Alfred Lichtwark, Max Liebermann und Gustav Klimt, Harry Graf Kessler und Richard Reiche, Paul Cassirer und Alfred Walter Heymel – veröffentlichten ihre Gegenmeinung ebenfalls in Buchform unter dem Titel „Im Kampf um die Kunst – Die Antwort auf den ‘Protest deutscher Künstler’“5. Beide…

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