Ausstellungen: Kassel · von Dirk Schwarze · S. 324
Ausstellungen: Kassel , 2000

Dirk Schwarze

Die wahren Geschichten der Sophie Calle

Museum Fridericianum, Kassel, 8.4. – 21.5.2000

Die erste umfassende Ausstellung der Text-Foto-Geschichten von Sophie Calle (Jahrgang 1953) in Deutschland hat zwar eine für den Ausstellungsort im Kasseler Museum Fridericianum ungewöhnlich breite Presse-Resonanz gefunden, doch die Brisanz der Arbeiten wurde wiederum nur in kleinen Zirkeln diskutiert. Dabei hatte das Medienumfeld mit der parallel laufenden 100-Tage-Fernseh-Voyeurismus-Show „Big Brother“ gerade dazu eingeladen, die Kunstdiskussion aufzubrechen und zu untersuchen, was eigentlich Menschen dazu treibt, andere Menschen in ihrer alltäglichen Intimität zu beobachten (beziehungsweise dies zuzulassen) und dies für andere akribisch zu dokumentieren. Aber vielleicht bietet die zweite Station, das Münchner Haus der Kunst, die Gelegenheit dazu, das Versäumte nachzuholen.

Wenn man eine solche Diskussion beginnt, darf man allerdings nicht übersehen, dass die Arbeiten, die uns so überraschend zeittypisch und aktuell erscheinen, rund 20 Jahre alt sind. Das also, was in unserer Gegenwart so gewagt und abenteuerlich erscheint, hat die französische Autodidaktin weit hinter sich gelassen, denn sie wiederholt sich nicht, sondern erobert sich konsequent immer neue Themenfelder. Dabei kann für den Betrachter ihrer jetzt in Kassel gezeigten Werkschau der Eindruck entstehen, sie gehe systematisch, gleichsam wie eine Forscherin, vor, die Spurensicherung betreibt, um die Identität von sich selbst und anderen zu ergründen und um die Wahrheit der Bilder und der Worte zu überprüfen.

In den 60er und 70er Jahren hatten zahlreiche Künstler das Medium der Text-Foto-Geschichten erkundet. Die Fotografie, die damals noch vielerorts um ihre künstlerische Anerkennung kämpfen musste, wurde in Beziehung zu Texten gesetzt, die sie nur in den seltensten…

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