Titel: Insel Austria , 1987

Helmut Draxler

Ein junges Wien?

Ab- und Aufklärung zur Zeit in Österreich

Gilt, nach Helmuth Plessner, die These von der ‚verspäteten Nation‘ für Deutschland, so kann dies für Österreich nur heißen: Verspätung in Potenz. Denn die Ausbildung einer Nationalstaatlichkeit wurde nicht nur im 17. Jahrhundert (Frankreich, England) versäumt, sondern auch noch im 19. Jahrhundert, als dies einer Reihe anderer Staaten immerhin gelang (Deutschland, Italien, Belgien u.a.). Zwar gibt es seit 1776 ein Nationaltheater, seit 1816 eine Nationalbank, seit 1921 einen Nationalrat, auch jede Menge von Nationalteams, aber bis heute eigentlich keine österreichische Nation. Die zweite Republik hat hier, in ihrer pädagogischen und ideologischen Ausrichtung Entscheidendes versäumt: zu anderem als zum Hurra-Patriotismus der Schifahrer und Fußballer hat es nie gereicht. So sind es nicht nur die Schatten einer dunklen Nazi-Vergangenheit, aus der man sich als ‚Opfer‘ davonschleichen konnte, welche die österreichische Politik immer wieder einholen, sondern noch fundamentalere Zweifel an der österreichischen Identität, Zweifel, die kontinuierlich von den Ländern aus gegen Wien genährt werden. Die Frage, ob Ostmark des Reiches (bzw. ab 1943 degradiert zu Alpen- und Donaugaue) oder eben autonomes Österreich, ist zwar aus dem Jargon der Tagespolitik verschwunden, nicht aber aus den Abgründen der kollektiven Psyche. Angewachsen ist immerhin, zumindest in intellektuellen Kreisen, die Empfindsamkeit gegen bundesdeutsche Vereinnahmung, wie man das kürzlich bei einer Club 2-Diskussion (dem medialen Aushängeschild des ORF) beobachten konnte, als es um das von Helmut Kohl verordnete neue Museum deutscher Geschichte in Berlin ging. Dort soll, mit aller Naivität und Unbefangenheit des modernen, sozialgeschichtlich orientierten Historikers vorgetragen, die…

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