Fragen zur Zeit · von Michael Hübl · S. 38
Fragen zur Zeit , 2006

Michael Hübl

Eine ganz normale Lüge?

Die Arno-Breker-Ausstellung in Schwerin

zwischen Günter Grass und „Schwarz-rot-geil!“

Ein deutscher Sommer nationaler Gefühlsaufwallung ist vergangen und hat einen neuen Slogan hinterlassen: „Schwarz-rot-geil!“ 1 Während dieses gleichen Sommers wurde in Schwerin eine Ausstellung mit Figuren des Bildhauers Arno Breker eröffnet, der im so genannten Dritten Reich wie kaum ein anderer die rassistische Ideologie des Nationalsozialismus in modellierte und gemeißelte Herrenmenschen umsetzte. Und ebendieser Sommer 2006 hatte gerade seinen Zenit überschritten, als der Dichter Günter Grass mit dem Bekenntnis an die Öffentlichkeit trat, er habe als 17-Jähriger freiwillig in der Waffen-SS gedient. Zwischen den drei Ereignissen besteht offenbar ein struktureller Zusammenhang, der sich nach einer ersten Sichtung und je nach politischem Blickwinkel als bislang einmalig unverkrampftes Bekenntnis zum Deutschsein oder als neonationalistischer Rollback darstellt. Bei genauerer Analyse zeigt sich allerdings, dass die Brisanz der Debatten weit außerhalb der Gegenstände liegt, an denen sie sich entzündeten. Zudem wird sichtbar, dass es sich bei dem hitzigen Hin-und-Her der Argumente um ein äußerst eng begrenztes Scharmützel handelt. In der Enge des Feldes aber, auf dem die allgemeinen öffentlichen Diskussionen ausgetragen wurden, liegt ein entscheidende Moment. Bezieht man es auf die Breker Schau im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus, dann wird sie nicht zuletzt durch diese Enge diskreditiert und all die gängigen Fragen, die mit ihr verknüpft werden, verlieren sich in weltfremder Leere.

Das Feld der Auseinandersetzung war und ist an den Banden geschmückt mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen. Während der Fußballweltmeisterschaft, die zwischen München und Berlin, Kaiserslautern und Dresden ausgetragen wurde, sollte es so scheinen, als sei die…

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