Titel: Die dritte Haut: Häuser I · von Michael Hübl · S. 102
Titel: Die dritte Haut: Häuser I , 2006

Michael Hübl

Es gibt keine Häuser, nur Passagen

Von den „Shelter Drawings“ zu den „A-Z Cellular Compartment Units“

Für Theodor W. Adorno war die Sache klar. Apodiktisch wie weiland Friedrich Nietzsche, als er erklärte, „Gott ist todt“ 1 , stellte der Frankfurter Philosoph 1944, damals im amerikanischen Exil, lapidar fest: „Das Haus ist vergangen“ 2 . Der Befund, den Adorno unter der Überschrift „Asyl für Obdachlose“ in seinem aphoristischen Hauptwerk „Minima Moralia“ veröffentlichte, reflektiert die Veränderungen, Umwälzungen, Revolutionen des 20. Jahrhunderts und ist überschattet von den Ereignissen, Erfahrungen, Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs. Von trautem Heim mochte da niemand mehr sprechen. Zumindest nicht in Europa, wo die Bombardierung der Großstädte selbst solche Menschen – vorübergehend – obdachlos machte, deren Häuser nicht flächendeckender Zerstörung zum Opfer fielen: Keller, Bunker, Bergstollen wurden zu provisorischen Unterkünften, in die sich die Stadtbewohner flüchteten, sobald das Geheul der Sirenen aufjaulte.

Durch Henry Moores „Shelter Drawings“ ist diese Abart des Lebens auf der Straße in die Kunstgeschichte eingegangen. Anonyme Gestalten, die Köpfe zu homogenen Rundformen abstrahiert, lagern auf den kalten Perrons der Londoner U-Bahn, und man ahnt, dass die mit Wasserfarbe, Feder und bleichen Kreidestrichen gezeichneten Decken oder Kleider kaum mehr sind als notdürftige Hüllen. Moore hat einen der Zustände geschildert, die Adorno gemeint haben könnte, als er sich – immer noch unter dem Stichwort Asyl – über eine Lifestyle-Maxime seiner Epoche mokierte: „Der moderne Mensch wünscht nahe am Boden zu schlafen wie ein Tier, hat mit prophetischem Masochismus ein deutsches Magazin vor Hitler dekretiert“ 3 , schreibt er und…

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