Titel: Die dritte Haut: Häuser I , 2006

Jürgen Raap

Nestbauverhalten

Häuslichkeit als zentrales Merkmal menschlicher Existenz

Im Althochdeutschen bezeichnet „hüs“ das „Bedeckende“ oder „Umhüllende“ – ein Haus ist mithin eine bauliche Hülle. Ihre Mauern ummanteln einen Raumkörper und trennen dessen Sphäre nicht nur optisch und (bau)technisch, sondern auch soziokulturell und rechtlich von der Außenwelt ab. In den traditionellen patriarchalischen Gesellschaften hat die Frau die Schlüsselgewalt über das Haus, der Mann kümmert sich um die Außenkontakte. In einem Rechtsstaat ist eine polizeiliche „Hausdurchsuchung“ nur mit richterlicher Genehmigung erlaubt. Die geflügelte Redensart „My home is my castle“ definiert das Haus bzw. die Wohnung als eine ureigene Privatsphäre, die auch jeder Nutzer im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten so einrichtet, dass sich im Mobiliar, in den Tapeten und im bildlichen Wandschmuck sein persönliches Lebensgefühl widerspiegelt.

Jenseits der rein praktischen Schutzfunktion hat das Haus mithin eine sehr weitreichende kulturelle Konnotation, die sich aus einem mythologischen und religiösen Urgrund ableitet. So finden sich in allen Kulturkreisen Indizien für eine sakrale Bedeutung des Hauses und einzelner Einrichtungsgegenstände wie z.B. des Herdes. Im buddhistischen Kulturkreis Asiens sind Hausaltäre üblich, an denen man täglich Lebensmittel als Opfergaben für die Seelen der Urahnen nieder legt. Ebenso unterstreichen in anderen Kulturräumen apotropäische Gegenstände über der Tür die zentrale Funktion des Hauses innerhalb der gesamten zivilisatorischen Rahmenbedingungen unserer Existenzführung. Geisterabweisende Dämonenfratzen finden sich in Europa noch im christlichen Mittelalter, etwa als Wasserspeier an den Dachtraufen gotischer Kathedralen. Im Volksglauben lebten bei uns noch bis ins 19./20. Jh. heidnische Schadenszauberzeremonien fort, zumindest in ländlichen Gebieten.

Sakrale Bedeutung

Eine analoge Bedeutung hat die Inschrift „Gott schütze dieses…

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