Titel: Die dritte Haut: Häuser I · von Jürgen Raap · S. 120
Titel: Die dritte Haut: Häuser I , 2006

Jürgen Raap

Ideale Paläste

Künstlerische Hausprojekte I

Denken, Bauen und Wohnen stellen Handlungen und Gewohnheiten dar, die in sehr komplexer Weise ineinander greifen. Auf einer metaphorischen Ebene ist jeder künstlerische Gestaltungsvorgang eine Art baulicher Formung, und geistig kann man sich auch in einem Gedankengebäude einrichten. Von einem traumtänzerisch veranlagten Menschen behaupten wir, er baue Luftschlösser.

In dieser Redensart offenbart sich eine Auffassung, die seit der Zeit der frühbürgerlichen Kaufleute in der Renaissance bis heute gültig ist, dass nämlich nur das „Handfeste“, das Materielle bzw. materiell Realisierte von Wert sei. Der nüchterne geldscheffelnde Händler misstraut der Metaphysik, und er misstraut auch der Verschwendung von Raum in den Palästen des Adels:

Gerade dort, wo seit dem 12./13. Jh. ein wirtschaftlich prosperierendes Handelsbürgertum schon sehr früh auch Kulturträger war, ist die urbane Topografie durch schmalbrüstige, winklige Giebelhäuser und durch enge, gewundene Gassen geprägt. Solche eng bebauten Kaufmannsstädte waren jahrhundertelang typisch für die Küstenregionen von Flandern bis ins Baltikum gewesen; diese Kontorhäuser bestimmten das Erscheinungsbild der seit dem 15. Jh. protestantisch geprägten Länder, wo man immer das Machbare im Auge hatte.

Das Prinzip der preußischen Strenge manifestierte sich in den Kasernenbauten der Soldatenkönige, weniger in ihren Lustschlössern, die es zwar auch gab, aber Ausdruck eines spezifisch preußischen Staatsverständnisses, wie es sich im 18. und 19. Jh. entwickelte, waren doch eher die ausschließlich auf eine tektonische Notwendigkeit ausgerichteten Gebäude von spartanischer Einfachheit, wie sie Friedrich Gilly (1772-1800) und Heinrich Gentz (1766-1811) entwarfen. Ihr Zeitgenosse Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) nahm mit seinem Grundsatz, ein Haus müsse die „höchstmögliche Darstellung des Ideals der…

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