Ausstellungen: Darmstadt · von Sigrid Feeser · S. 345
Ausstellungen: Darmstadt , 1996

Sigrid Feeser

Enrico Baj

»Das Begräbnis des Anarchisten Pinelli« und andere Werke aus 4 Jahrzehnten

Mathildenhöhe Darmstadt, 1.10.1995 – 5.1.1996

Ein Stück wie aus dem Tollhaus, apokalyptisch. Draußen zeigt der Winter sein graues Gesicht, aber in den weitläufigen Ausstellungshallen auf der Darmstädter Mathildenhöhe tobt ein monströser Karneval. Totenschädel grinsen an den Wänden, Dämonen, Fratzen und geflügelte Kopffüssler verheißen Begegnungen der dritten Art. Abgetrennte Gliedmaßen treiben haltlos einher, einem Monster quillt das Gedärm aus dem offenen Bauch, Schlangen quellen aus Mündern und haben sich zum diagonalen Parademarsch geordnet. „Werden die Feuerspucker, die Leviathane, Kannibalen, Kinderfresser, die Zungenmonster, die Schlangenausspucker und die Feuervögel Euer Interesse auf sich ziehen können und Eure Aufmerksamkeit auf das Ende des Milleniums richten?“ kommentiert der 1924 in Mailand geborene Enrico Baj das infernalische Scherzo. Seit 1978 arbeitet er an seiner „Apokalypse“, die man sich am besten vorzustellen hat als einen immer wieder neu und anders aufgebauten Baukasten von quietsch-bunt bemalten Sperrholzfiguren, die – jedenfalls nach dem Willen ihres Schöpfers – einem mürbe gewordenen 20. Jahrhundert die Leviten lesen sollen. Denn der promovierte Jurist, der bis 1956 seinen Lebensunterhalt als Anwalt verdiente, treibt nicht nur mit dem Entsetzen sein Allotria: Er ist ein Besessener. Besessen von den Ungeheuern des Krieges, der Politik, des täglichen Lebens, des Unbewußten und des Todes.

Bekannt wurde Enrico Baj Anfang der fünfziger Jahre mit seiner „Pittura Nucleare“, einer Malerei der schrundigen, dripping-Verfahren und psychischen Automatismus höchst phantasievoll miteinander verbindenden Bildtafeln, in denen er die Schrecken des Atomzeitalters zu bannen versuchte. Berühmt indessen wurde er mit seinen „Generälen“, die…

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