Ausstellungen: Stuttgart , 1996

Martin Blättner

Walter Stöhrer

Galerie der Stadt Stuttgart, 19.10.1995 – 7.1.1996

Malerei als radikale Selbstbefreiung hat sich als eine realisierbare Utopie erwiesen, die allerdings ausgerechnet von den Neuen Wilden der achtziger Jahre etwas relativiert wurde. Zumindest ist es seither nicht mehr ganz unbestritten, daß inhaltlich-narrative Vorstellungen den rhythmisch-motorischen Prozeß des Malaktes stören oder daß Spontaneität nur dann als absoluter Wert gelten kann, wenn der Künstler nicht zugleich durch die Hintertür ironische bis sarkastische Kommentare über die heftigen Gesten seiner eigenen Hand zuläßt. Die tachistisch-informelle Kunstwelt war noch in Ordnung, als sie in ihrer reinsten Form eine Malerei hervorbrachte, die abstrakt und skriptural war. Die Kalligraphie der Nachkriegszeit vollendete die surrealistische Forderung einer automatischen Niederschrift als ein Mittel, um an das Unbewußte zu kommen, die psychische Komponente wurde jedoch spätestens von den Künstlern der „Cobra“-Gruppe zugunsten eines verstärkten Körpereinsatzes in den Hintergrund gedrängt. Für Asger Jorn enthielt Bretons Formulierung „einen unlösbaren Widerspruch. Man kann nicht auf rein psychischem Wege sich selbst zum Ausdruck bringen. Der reine Akt des Ausdrucks ist physisch“. Die bereits 1948 gegründete „Cobra“-Gruppe wirkte sich erst zehn Jahre später auf die deutsche Kunst aus. Neben K.F. Dahmen, Emil Schumacher und Horst Antes griff Walter Stöhrer den spontanen Impuls der belgisch – holländisch – dänischen Gruppierung auf. Auch er schöpft aus einem kreativen Potential, das in dem ursprünglichen Lebensgefühl kindlicher Kritzelkunst vermutet wird. Fast noch ungehemmter als Jorn es tat, stürzt sich Stöhrer heute in die farbintensiven Fluten einer flüssigen Malerei, die mit eruptiven Gesten das expressive Pathos bis zum Überschwang steigert,…

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von Martin Blättner

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