Kulturpolitik · von Ingo Arend · S. 378
Kulturpolitik , 2010

Ingo Arend

Es lebe die Kunst!

Zur Diskussion um die Berliner Kunsthalle

„Ich habe mich der Kunst immer so wie der Liebe hingegeben. Ich habe beides als das Gleiche angesehen. Es geht um Ausschließlichkeit. In der Liebe wie der Kunst weiß ich, was ich nicht will“. Ein bisschen hört sich Cornelia Schleime wie Ingeborg Bachmann an, wenn die Berliner Malerin ihre Arbeit erklärt.

In der Temporären Kunsthalle auf dem Berliner Schlossplatz hatte ihre Kollegin Karin Sander für ihr Projekt „Zeigen. An Audio Tour through Berlin“ lauter Namen Berliner Künstler auf eine weiße Wand geschrieben. Wer den 599 Stimmen und ihren lyrischen Selbstexplikationen via Kopfhörer folgt, wähnt sich plötzlich in einem Kosmos der Wünsche, Projekte und Methoden, in einer imaginären Werkstatt, die sich über die ganze Stadt erstreckt. Und hält den immer häufiger zu hörenden Satz von Berlin als der „Kunsthauptstadt der Welt“ gar nicht mehr für einen der großspurigen Sprüche, mit denen die Spree-Metropole seit jeher gern ihre Minderwertigkeitskomplexe kompensiert. Sondern für eine real existierende Wirklichkeit.

Verständlich also die Idee, diese neue ästhetische Vielfalt, die sich seit dem Mauerfall in Berlin entwickelt hat, schneller ans Licht einer neugierigen (Welt-) Öffentlichkeit zu holen. Noch heute schwärmen nicht nur die Berliner Kunstfreaks von der im Dezember 2005 quasi über Nacht aus dem Boden gestampften Ausstellung „36x27x10“. Mit einem temporären White Cube wollten sie gegen den Abriss des inzwischen geschleiften Palastes der Republik protestieren. Eine Schau ohne Thema war das, aber erfrischend neu: Olafur Eliasson stand neben Anselm Reyle und Christoph Schlingensief. Viele fragten sich damals: Könnte…

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