Ausstellungen: Berlin · von Michael Nungesser · S. 280 - 281
Ausstellungen: Berlin , 2003

HERMANN PFÜTZE

Flotsam & Jetsam

Ballast und Treibgut
Über Kunst und Müll und Kunst mit Müll

Eine Ausstellung der Bauhaus Universität Weimar im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, 1.2. – 23.3.2003

Müll enthält, im Unterschied zur Natur, das Moment der Freiheit, so ein Gedanke Vilém Flussers. Die Natur duldet nur in engen Bandbreiten Freiheit und Spielräume, sie muss verträglich gemacht, kultiviert und denaturiert werden, während Abfall und Müll, als Kulturprodukte, die Proben der Verträglichkeit mehrfach bestanden haben und die Möglichkeiten, sie weiter zu verarbeiten, zumindest theoretisch grenzenlos sind. Natur muss regeneriert werden durch nachhaltige Wasser-, Forst- und Landwirtschaft. Aus Abfall und Müll dagegen kann Neues und anderes gemacht werden. Das ist die Freiheit der Kultur gegen die Zwänge der Natur.

Müllwachstum ist zwar ein weltweites Problem, aber Abfälle sind ein wunderbarer Sekundärrohstoff. Ökologie und Abfallkunst intendieren mithin kein ‚zurück zur Natur‘ derart, dass der Müll weniger werden müsse, um wieder mehr Natur zu haben. Vielmehr ist die Industriekultur Rohstoffquelle künftiger Verwertungs- und Recyclingkulturen, die um die Megacities der sog. Dritten Welt schon entstehen. Die Industriekulturen produzieren, so Flusser, den für künftige Verwertungskulturen lebenswichtigen Rohstoff Abfall. Was wir ausgewertet haben und wegwerfen, enthält, als Rohstoff betrachtet, neue Werte und Informationen. Allerdings sollte, so Fritz von Klingräff in seinem Katalogbeitrag, der wesentliche Unterschied zwischen Abfall und Müll beachtet werden. „Seit dem 19. Jahrhundert gehört der Abfall zur Selbstregulierungs-Dynamik von Produktion und Konsum. … Kulturell kann der Abfall seither als Spurenträger fungieren. … Im Müll hingegen ist selbst das Beseitigte noch zu beseitigen… Müll ist das Endprodukt eines Zerfallsprozesses. Er kann weder als Matrix für neue Lebenswelten herhalten noch als Archiv für künftige Spurensuche.“

Die künstlerische Beschäftigung mit Abfall und Müll, wie in dieser Ausstellung, ist deshalb der Abfallkunst aus Brasilien, Afrika und Asien nicht unähnlich. Müll als globaler Sekundärrohstoff wird auch global kunstfähig. Die Studierenden der Klasse Liz Bachhuber haben nicht, wie in aller Welt, Spielzeugautos aus Bierdosen geschnitten, aber sie haben in ähnlicher Weise Abfälle zu etwas naheliegend anderem umgearbeitet. Naheliegend heißt, dass die Ideen nicht exotisch sind, sondern sich den Spuren und Informationen des Abfalls selbst verdanken.

Karo Kollwitz und Daniel Guischard haben ein riesiges Gebüsch aus unnütz gewordenen Leipziger Fernseh-Dachantennen gebaut und mit Vogelhäuschen und Meisenknödeln behängt. Das ist zunächst idyllisch, aber im Konzept einer postindustriellen Abfallkultur könnten aus den einstigen Verbindungen zur Welt jenseits der DDR nun lokale, gesellschaftliche Informationssysteme werden, z.B. für Mobilfunknetze, aber auch Rastplätze für natürliche „Kulturfolger“ wie Raubvögel und Geier, die als Vertilger organischer Abfälle nützlich sind.

Ausruhen kann man sich in der Ausstellung auf bequemen Sesseln und Liegen im Bauhaus-look von Marc-Oliver Lau, gemacht aus Möbelrahmen vom Sperrmüll und einer Bespannung aus alten Fahrradschläuchen, oder auf dem ‚running chair‘ von Martin Kuban, einer Kombination aus Strandstuhl und zwei alten Autoreifen, in dem man sich, leicht nach hinten geneigt balancierend, wie im Rollstuhl fortbewegen kann.

Diese Arbeiten sind gelungene Beispiele dafür, wie dem Abfall neuer Nutzen, sinnfällige Ästhetik und funktionale Formen abgewonnen werden können. Die Dinge haben ihre Schuldigkeit getan und setzen nun, als Abfall, neue Informationen frei. Die kreative Phantasie entwickelt sich an der Fiktion, d.h. Neu-Erfindung der Wirklichkeit aus ihren Resten. Das ist das Prinzip, vorausgesetzt, die Phantasie ist locker gekoppelt und wird nicht enggeführt zu den ewig gleichen Aha-Erlebnissen.

Das gibt es freilich auch in der Ausstellung, vor allem bei den Arbeiten, die mit Müll-Archäologie sich begnügen. Ein Saal ist wie im Museum mit Vitrinentischen möbliert, die hübsch geordnet Knochen, Glas- und Plastikscherben, Medizinfläschchen, Tuben und Ampullen, Kronenkorken, rostiges Essbesteck präsentieren. In zwei anderen Schautischen werden ca. 350 gebrauchte Geldbörsen gezeigt, die meisten von einer Abfallverwertungsfirma besorgt, aber auch gefunden, erbeten und von Verwandten geschenkt. Der prätentiöse Titel „Das Portemonnaie zwischen Identität und Wechselgeld“ kann freilich nicht darüber hinweg täuschen, dass die „Neubewertung von Müll“, so die Absicht der Ausstellung, nicht einfach schon erreicht wird, indem die Dinge gesäubert, sortiert und gezeigt werden. In den durchrationalisierten Abfallökonomien Indiens oder Brasiliens gibt es für einen Sack Kronenkorken oder sortierter Scherben ein paar Rupien oder Cents, aber das ist harte Kinderarbeit. Und ein Hinweis darauf, wo und wie aus den noch brauchbaren Teilen von Geldbörsen und anderen Ledersachen neue Patchworktaschen genäht werden, hätte die Portemonnaie-Sammlung interessant gemacht, sie sozial und ästhetisch aufgewertet.

Auch die Musealisierung des Abfalls ist problematisch, da diese Reste nicht letzte Zeugen von etwas Entschwundenem sind und auch nie sein werden. In Design-, Firmen-, Alltags- und Industriemuseen sind gut erhaltene Exemplare beinahe aller Dinge für die Nachwelt aufbewahrt und dokumentiert. Das gilt auch für die Reste des Schreckens, wie z.B. die Funde aus einer Müllhalde in der Nähe der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, an deren Ausgrabung die Studierenden teilnahmen. Denn ohne Kontext, etwa zur Geschichte der Spurenbeseitigung und Gedenkstättenpolitik, bleiben die Reste anekdotisch.

Zum Problem der Haushalts- und Verpackungsabfälle werden zwei recht gegensätzliche Arbeiten gezeigt. Die Video-Installation „Goldgrube“ über die städtische Müllsortieranlage in Langensalza zeigt, was alles weggeworfen wird, während Dorothea Reinke ein Jahr lang nichts weggeworfen hat. Sie hat Joghurt-, Sahne- und Puddingbecher gewaschen und gestapelt, leere Milch- und Safttüten wie Spielzeughäuser zusammengestellt, Tablettenfolien, Papprollen des Klopapiers und Chiptüten aufgehoben und damit einen Raum gefüllt. Man soll wohl denken: so viel Verpackungsmüll kommt pro Person übers Jahr zusammen, ein schönes Argument für den Grünen Punkt.

Nüchtern kalkuliert, ist es aber gar nicht so viel, da der Verpackungsballast im Lauf der Jahre weniger, vor allem leichter und besser wiederverwertbar geworden ist. Für den Grünen Punkt ist so eine Sammlung freilich ideal: alles selber, auf eigene Kosten gewaschen und sortiert. Wie es um die private Mülltrennung wirklich steht, zeigt dagegen jenes Endlos-Video, das auf drei in Reihe geschalteten Monitoren jeweils etwas zeitversetzt läuft, so dass der Förderband-Eindruck erhalten bleibt. Hände in Gummihandschuhen suchen alles heraus, was nicht in den Hausmüll gehört, wie z.B. Arztpraxis-Abfälle, volle Flaschen, alles Gefährliche und Werthaltige. Dabei unterhalten sich die Sortiererinnen in empört-sarkastischem Ton: „Alles in eine Tonne, das ist Prinzip“. Aber vielleicht ist dies Prinzip gar nicht so falsch.

Man stelle sich vor, jeder Haushalt wäre sein eigener Abfallsortierer, so wie strenge Öko-Phantasie es sich wünscht. Wir hätten eine eher vorindustrielle Abfall-Rohstoff-Kultur in jeder Straße, mit Zwischenhandel und kleinteiliger Privatisierung des Transports und der Verwertung. Das wäre etwas für Bastler und Sammler, aber nicht für Künstler. Denn der künstlerische Blick will selbst sortieren, nicht Vorsortiertes nachvollziehen.

Aus Abfall Kunst zu machen, scheint schwieriger zu sein als die ästhetische Faszination zunächst verspricht. Kurt Schwitters hat über das Material seiner Collagen gesagt, dass man ihm sein „Eigengift entziehen“ müsse, um es künstlerisch „beziehungsfähig“ zu machen. Einem Stück Holz muss der Holzcharakter ausgetrieben werden und ein Fahrschein darf nicht mehr als solcher ins Auge springen. Die Beteiligten dieser Ausstellung versuchen es durch Serialisierung oder durch Umformung bis zur Unkenntlichkeit. Für Serialisierung sind die aus Getränkedosen geschnittene Sammlung kleiner, bunter Schmetterlinge von Mario Bierende und Liz Bachhubers aus alten Kühlschranktüren herausgeschweißte „Eisvögel“ schöne Beispiele, während Tricia Flanagan aus ausrangierten Aluminium-Offsetplatten etwas gemacht hat, dem seine Herkunft nicht mehr anzusehen ist: Ein silbriges Blüten-und-Brunnen-Ensemble, wobei aus den von der Decke hängenden Blüten Tauwasser tropft und kleine, zunächst vom Eis gehaltene Steine in die Bodengefäße fallen.

Abfall behauptet sich materiell und förmlich oft noch zu stark als das, was er war, er ist voller verwertbarer Eigenschaften, die sich das Trash- und Recycling-Design zunutze macht. Wahrhaft umgeformt und frei von Herkunftszwängen ist dagegen erst der reine Müll, zerschreddert, fein gemahlen, zersetzt und geschmolzen. In diesem Sinn ist SERO, die Abkürzung für Sekundärrohstoffverwertung, einer der haltbaren und zukunftsträchtigen Begriffe der Industriekultur der DDR, auch ästhetisch viel bedeutender als etwa das grüne Ampelmännchen oder Beuys‘ nostalgische Sammlung „Wirtschaftswerte“ zur Warenästhetik der DDR.

Katharina Hohmann hat die Ausstellung organisiert, die in ähnlicher Form zu sehen war im Oktober 2001 in der Documenta-Halle in Kassel und im Januar 2002 in der Universitätsgalerie Weimar.

Katalog: Hg. Liz Bachhuber, Werner Bidlingmaier, Katharina Hohmann, Bauhaus-Universität Weimar, Universitätsverlag, 2001. ISBN: 3-86068-159-1

von Michael Nungesser

Weitere Artikel dieses/r Autors*in