Titel: Das Magische II · von Sven Drühl · S. 96
Titel: Das Magische II , 2003

Walter von Lucadou: Geistern auf der Spur

EIN GESPRÄCH MIT SVEN DRÜHL

Sven Drühl: Herr Lucadou, Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit Psi-Phänomenen. Welche Herangehensweisen gibt es zu diesem durchaus schwierigen Feld?

Walter von Lucadou: Kurz gesagt: Früher ging man von einem Einfluss-Modell aus, das weitgehend von einem Korrelationsmodell abgelöst wurde. Ich möchte den Unterschied kurz erläutern. Bei dem Einfluss-Modell ging man davon aus, dass eine Person – etwa in einem Versuch oder in einem Spukfall – die Physik beeinflusst, so dass etwas Komisches oder Unerklärliches passiert. Bei unseren wissenschaftlichen Experimenten ist hingegen genau definiert, was passieren soll. Man hat eine Zufallsfolge und die Versuchsperson soll versuchen, durch mentale Einflussnahme eine Abweichung vom Erwartungswert zu erzeugen. Es hat sich gezeigt, dass dies einigen Versuchspersonen auch gelingt. Die Ergebnisse waren jedoch widersprüchlich, es war nie so wenig, dass man sagen konnte, das ist gar nichts, aber es war auch nicht so, dass man sagen konnte, hier hat man einen eindeutigen wiederholbaren Effekt, so wie man das aus der Physik kennt. Es ist also fraglich, ob es sich überhaupt um eine Begabung handelt. Ein Beispiel: Jemand, der musikalisch ist, lernt sehr leicht ein Instrument zu spielen. Das beherrscht er dann und kann es vorführen. Bei Psychokinese scheint das nicht so zu sein.

Das heißt es gibt keinen Trainingseffekt bei Psi?

Offenbar nicht, es gibt zwar Leute, die behaupten eine solche Fähigkeiten zu besitzen, aber auf Befehl kann das niemand demonstrieren. Das Phänomen ist sehr schwierig zu fassen.

Aber es gibt schon so eine signifikante Abweichung vom Erwartungswert während der Tests, dass man sagen muss, da ist etwas, was auch immer?

Ja, genau. Ich denke, es liegt an der Betrachtungsweise. In der klassischen Sichtweise ging man davon aus, es gäbe eine noch unbekannte Kraft, die vom Menschen ausgeht und die die Physik verändert. Bei ASW ging man davon aus, der Mensch habe eine unbekannte Sinneswahrnehmung – etwa wie die Ultraschallwahrnehmung von Fledermäusen – und man müsse diese nur genügend untersuchen, um dahinter zu kommen, was es damit auf sich hat. Danach hat man nun über 100 Jahre gesucht. Das Problem war jedoch nicht etwa, dass es keine Resultate gab, sondern es gab Resultate, die jedoch wenig aussagekräftig waren. Weder die Kritiker noch die Befürworter waren damit zufrieden. Viele Leute lehnen die Ergebnisse natürlich schon aufgrund von Vorurteilen ab…

Wer beschäftigt sich denn überhaupt mit solchen Dingen?

Es gibt schon einige Wissenschaftler, die sich ernsthaft mit der Parapsychologie auseinander setzen. Es handelt sich natürlich nach wie vor um eine umstrittene Wissenschaft. Viele Wissenschaftler sagen ganz dogmatisch, das kann es gar nicht geben. Aber es gibt auch viele, die sagen, dass es da vielleicht etwas gibt – dann sollte man es aber auch genau untersuchen. Zu letzteren gehöre ich. Die dogmatischen Skeptiker offenbaren in meinen Augen eine naive Haltung. Das ist uninteressant. Wir wissen ja nichts über die Natur, wir arbeiten ja nur mit Modellen. Genauso gibt es natürlich in den Esoterik-Kreisen viele Menschen, die an alles Mögliche glauben, um die geht es auch nicht. Also wir reden hier von den kompetenten Kritikern – das sind die Leute, die sich mit den Experimenten und Ergebnissen auskennen und sagen, wenn wir uns das genau anschauen, sehen wir nicht, dass es Psychokinese gibt, obwohl auf den ersten Blick Anzeichen für eine Art mentale Kraft und eine unbekannte Wahrnehmungsart gegeben sind. Das klingt widersprüchlich, ich werde das noch erklären. Das Einfluss-Modell legte nahe, dass man versuchte, die Sache mit statistischen Methoden oder durch Fallstudien zu belegen. Die Ergebnisse sollten reproduzierbar sein, nicht unbedingt wie in der Physik, aber doch so wie in der Psychologie. Die Konklusion ist: Die Daten deuten ganz stark darauf hin, dass das Einfluss-Modell falsch ist. Es handelt sich nicht um eine Kraft und auch nicht um eine zusätzliche Wahrnehmungsart. Aber um was dann? Eine Täuschung oder ein Artefakt? Die Daten wiederum sehen nicht aus, als handle es sich um einen Artefakt oder eine Täuschung. Es gibt einfach zu viele gut beschriebene Fälle, da müsste man schon annehmen, alle Forscher hätten ihre Daten manipuliert.

Damit wäre man bei den Verschwörungstheorien – und dass alle Forscher über Ländergrenzen und zu unterschiedlichen Zeiten unter einer Decke stecken ist doch sehr unwahrscheinlich.

Man müsste schon sehr viele Annahmen machen, die nicht zu beweisen wären, um die These aufrecht zu erhalten, dass alles nur aus Artefakten und Schwindel besteht. Aber besser ist doch, man tritt einen Schritt zurück und denkt darüber nach, was die Ergebnisse bedeuten. Jetzt kommt das Korrelationsmodell ins Spiel, das 1974 zum ersten Mal auf der Genfer Tagung „Quantum physics and parapsychology“ vorgestellt wurde. Wenn es statt einer Kraft das ist, was wir in der Physik als nichtlokale Korrelation bezeichnen, dann werden die Ergebnisse plötzlich schlüssiger. Die Daten werden klar, man müsste sie sogar nach dem Modell erwarten.

Aber das Korrelationsmodell bezieht sich doch auf Ergebnisse der Quantenphysik, die nur für sehr kleine Gebiete gelten?

Ja, das wird immer gesagt, aber das stimmt natürlich nicht. Die Elementarteilchen dienen doch nur als Beispiel, es gibt makroskopische Quanteneffekte.

Bei denen die klassische Physik versagt?

Ja genau. Die Quantenphysik ist keineswegs auf kleine Systeme beschränkt, es gibt sogar eine Quantenkosmologie. Allerdings gibt es die starke Einschränkung, dass die Quantenphysik nur für sogenannte isolierte Systeme gilt. Größe ist nicht der entscheidende Parameter, wie man lange geglaubt hat. Man hat festgestellt, dass die Gesetze der Quantenphysik sehr allgemein sind und nicht beschränkt auf bestimmte physikalische Objekte, allerdings nur sofern sie sich in einem isolierten System befinden. Das legt den Verdacht nahe, dass die Quanteneigenschaften allgemeine Eigenschaften sind und nicht allein mit der Physik zu tun haben. Diese Betrachtungsweise kommt aus der Systemtheorie. Findet man für ganz unterschiedliche Systeme gleiche Eigenschaften, hängt das mit den systemischen Eigenschaften zusammen, aber nicht mit dem Substrat.

Wer definiert denn, wann ein System isoliert zu nennen ist?

Darauf kommen wir noch. Es geht mir darum, klar zu machen, warum es nicht verboten oder gar unsinnig ist, die Quantenphysik auf unser Problem anzuwenden. Es stellt sich heraus, dass die komischen Eigenschaften, dass z.B. Ergebnisse nicht wiederholbar sind und immer, wenn man meint, man habe den Effekt dokumentiert, er nicht mehr nachweisbar ist, etc. – dass das typische Eigenschaften von Systemen sind, in denen nichtlokale Korrelationen eine Rolle spielen. Das hat dann zu dem von mir formulierten ersten und zweiten Hauptsatz der Parapsychologie geführt. Nun muss ich jedoch noch den Unterschied zwischen einem Signalmodell und Korrelationsmodell verdeutlichen. Bei dem Signalmodell ist man immer an eine kausale Wirkung gebunden. Signal heißt, dass von einem Raum-Zeit-Punkt A eine Wirkung ausgeht, die sich über Punkte x1, x2, usw. bis zu einem Punkt B fortpflanzt. Diese Wirkung erfolgt lokal, es gibt keine Leerstelle dazwischen.

Und die Abfolge ist immer auf der Zeitachse nach vorn gerichtet.

Genau. Es gibt aber auch nichtlokale Korrelationen – und nichtlokal heißt nichts anderes, als dass es eine Lücke dazwischen gibt. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen Punkt A und Punkt B, unabhängig davon, wie weit sie voneinander entfernt sind. Das hat das berühmte EPR-Experiment (Einstein-Podolsky-Rosen-Paradox, S.D.) eindeutig bewiesen.

Auch für die makroskopische Welt?

Das Phänomen der Nichtlokalität ist ein makroskopisches Phänomen, es ist ja gerade so definiert, dass es auf die Entfernung nicht ankommt, somit gilt es auch für Lichtjahre entfernte Punkte.

Reden wir hier von rein theoretischen Dingen oder gibt es Anwendungen dazu?

Die Quantenkryptografie ist ein gutes Beispiel für Systeme, bei denen mit Nichtlokalität gearbeitet wird. Klinkt sich jemand ins System ein, um es abzuhören, verändert sich das System messbar wegen der nichtlokalen Störung. Nur die Erstellung eines solchen Systems ist sehr schwierig, da es isoliert sein muss. Jetzt beantworte ich ihre Frage nach der Definition von Isoliertheit. Sobald ein Quantensystem mit dem Rest der Welt wechselwirkt – man sagt auch mit einem thermodynamischen Reservoir – dann gehen diese Superpositionszustände, also die Nichtlokalität, verloren.

Was passiert mit den Superpositionen?

Dazu gibt es verschiedene Auffassungen. Manche Physiker sagen, sie existieren noch, nur sie verflüchtigen sich so stark, dass man sie nicht mehr nachweisen kann. Andere sagen, die Zustände zerfallen. Daran wird zur Zeit geforscht. Aber die Nichtlokalität ist ein Fakt, nur man muss eben umdenken, es gibt kein Signal, dass von A nach B läuft. Das ist mehr eine Struktureigenschaft, eine andere Form von Kausalität.

Aber wenn es sich dabei nicht um ein Signal handelt, um was dann?

Das kann man nicht sagen, man weiß nur, dass die Welt unter bestimmten Voraussetzungen die Eigenschaft besitzt, Strukturen auszubilden, dank derer zwei Dinge, die beliebig weit voneinander entfernt sind, trotzdem etwas voneinander wissen.

Das ist jetzt sehr schwer nachzuvollziehen. Kann man das denn für die parapsychologischen Untersuchungen nutzen?

Ich versuche es mal mit einem Beispiel aus der experimentellen Praxis zu verdeutlichen. Versuchspersonen fragen mich oft, ob sie den Zufall beeinflussen sollen und ob das überhaupt geht. Ich sage ihnen dann, nein, eigentlich ist es nicht so. Die Ergebnisse zeigen nämlich – und das kann man vernünftig interpretieren – folgendes: Die Versuchsperson strengt sich zu einer bestimmten Zeit an, die Zufallsfolge zu beeinflussen. Und dann tut das der Zufall, aber nur, weil er selbst gerade Lust dazu hat. (lacht) Nicht, weil er das muss oder die Versuchsperson eine Kraft ausübt, sondern mehr so als würde eine dritte Instanz den beiden den Gefallen tun, dass es zusammenpasst, d.h. korreliert. Das hat Carl Gustav Jung mit dem Begriff Synchronizität bezeichnet: zwei Dinge, die kausal voneinander unabhängig sind, passen dennoch zusammen. Das ist meiner Meinung nach die beste Beschreibung für das Phänomen – wenn alles gut läuft, das Experiment stimmig ist, die Versuchsperson motiviert, usw. dann schickt die Versuchsperson nicht ein Signal in die PK-Maschine, sondern die PK-Maschine sagt sich – ich sage das jetzt extra salopp – „ah ja, das ist eine nette Versuchsperson, sie hat die richtige Stimmung, jetzt tue ich ihr den Gefallen und gehe mal in diese Richtung“. Die Versuchsperson kann nichts machen, aber sie muss sozusagen in der richtigen Stimmung sein und das Spiel mitspielen, denn wenn sie das nicht macht, passiert auch nichts messbares.

Das ist eine sehr strange Vorstellung. Es gibt doch kein Bewusstsein der Maschine oder dergleichen.

Nein, das natürlich nicht. Im Grunde beschreibe ich damit lediglich Struktureigenschaften der Welt. Jetzt kann man sich natürlich fragen, was diese Strukturen zum Gleichschritt bringt? Und das lässt sich angeben: es ist die Bedeutung der Situation. Stichwort „Pragmatische Information“.

Wie kann das System denn die pragmatische Information lesen?

Das muss es gar nicht. Die Bedeutung, die dem System vermittelt wird, entsteht.

Das hört sich an, als könne man das System austricksen, indem man dem Probanden sagt, er solle schon mal beginnen, aber die Aufzeichnungssysteme seien noch ausgestellt.

Man kann das System aber nicht austricksen. Dazu gab es einmal eine interessante Diskussion zwischen Nils Bohr und Albert Einstein. In den Briefen, die sich die beiden schrieben, hat Bohr Einstein immer wieder gezeigt, warum das nicht geht. Aber das führt jetzt zu weit. Wenn die Versuchsperson die „richtige“ Einstellung hat, passiert es von selbst, dass die Maschine macht, was die Versuchsperson sich wünscht.

Und deshalb kann man also mit jeder Versuchsperson arbeiten! Jetzt wird einiges klarer. Ich hatte mich schon bei der Lektüre ihrer Bücher immer gefragt, warum man nicht nur parapsychologisch besonders begabte Personen für die Testreihen auswählt, schließlich lässt man, wenn man wissen möchte, ob der Mensch in der Lage ist, weiter als sieben Meter zu springen, doch auch nur Spitzenathleten antreten.

Es gibt schon so etwas wie eine Disposition, Begabung ist zu stark, denn man kann sich nicht darauf verlassen. Die Disposition zeigt sich nur spontan unter optimalen Bedingungen. Obwohl man sagen kann, je kreativer die Leute sind, je offener und beweglicher im Kopf – ich meine damit so etwas wie eine fluide Intelligenz -, desto besser sind die Bedingungen, erfolgreich zu sein. Aber das garantiert nichts.

Also ist es eher kontraproduktiv Probanden aus der Esoterik-Fraktion zu nehmen, die schon sozusagen „vorgestimmt“ sind, denn sie sind nicht mehr offen, sondern funktionalisieren das Experiment zur Stärkung ihres Weltbildes?

Ganz genau, das nützt gar nichts, das verschlechtert sogar die Ergebnisse. Es gibt ja diese Sheep-Goat-Skala und diese Super-Sheeps – die richtig Gläubigen, die glauben „total übersinnlich“ zu sein und für die alles Psychokinese und Telepathie ist – schneiden sogar schlechter ab als die moderaten Skeptiker. Aber das ist ja klar, die sind ja vernagelt, da ist ja schon alles festgelegt.

Sie erwähnten vorhin die beiden Hauptsätze der Parapsychologie. Können Sie darauf noch einmal genauer eingehen?

Der erste Hauptsatz besagt, bei Psi-Phänomenen handelt es sich um nichtlokale Korrelationen in psycho-physischen Systemen, die durch pragmatische Information – also Bedeutung – induziert werden. Der zweite Hauptsatz lautet: Wann immer ich versuche, mit dieser nichtlokalen Korrelation ein Signal zu übertragen, dann verschwindet der Effekt. Das ist eine physikalische Aussage über Nichtlokalität.

Werden diese Hauptsätze so auch von anderen Wissenschaftler anerkannt? Den ersten und zweiten Hauptsatz der Thermodynamik findet man ja auch in jedem Physikbuch.

Ich möchte es mal so formulieren: Ich hoffe, dass, wenn man in dreißig oder vierzig Jahren ein Physikbuch aufschlägt, sie dort zu finden sind. (lacht) Der erste wird noch verhandelt, aber es spricht sehr viel dafür. Der zweite steht durch die physikalische Forschung bereits fest.

Das heißt, an dem ersten Hauptsatz arbeiten sie als Physiker auch selbst noch?

Ja, es geht darum, zu klären, welche Bedingungen nichtlokale Korrelationen erzeugen und wie pragmatische Information entsteht.

Das heißt, es handelt sich dabei um das derzeit elaborierteste Erklärungsmodell für Psi-Phänomene?

Ja, auf jeden Fall.

Ich möchte noch kurz auf einen anderen Punkt zu sprechen kommen. Wenn es tatsächlich Psi-Kräfte nach dem überholten Einfluss-Modell gäbe, hätte das doch enorme Auswirkungen für unsere Welt. Die Geheimdienste müssten in der Vergangenheit in dieses Forschungsgebiet doch Millionen investiert haben, denn wenn diese Kräfte trainierbar und einsetzbar wären, stellten sie doch eine Art Geheimwaffe dar.

Ja, natürlich, es gab riesige Forschungsvorhaben, es wurde in den USA 5-6 Jahre lang sehr viel Geld für diese sogenannten Remote Viewing-Experimente (Fernwahrnehmung, S.D.) ausgegeben. Sie wollten das benutzen, um feindliche Waffenlager und dergleichen auszuspähen. Ich hatte bereits in den achtziger Jahren mit Leuten von der CIA zu tun und hatte sogar eine Wette mit ihnen abgeschlossen. Ich sagte ihnen voraus, sie würden positive Resultate erzielen, aber sie würden damit nicht froh werden, denn in dem Moment, wo man sie anwenden wollte, wären die Phänomene verschwunden. Niemand wollte mir damals glauben, aber ich habe die Wette natürlich gewonnen.

Aber es gab doch auch immer wieder Gerüchte um Psychokinese-Experimente der Militärs, etwa in Russland.

Ja, da gab es in den siebziger Jahren dieses Buch von Ostrander&Schroeder, zwei Journalistinnen, die die damalige Sowjetunion bereisten. Das war geradezu ein Witz. Sie kamen mit einer Unmenge von angeblich geheimen Informationen zurück, und behaupteten, sie seien ihnen vom KGB zugespielt worden. Wie naiv kann man sein – das muss doch Desinformation sein. Aber natürlich haben die Militärs in der Sowjetunion ebenfalls Psi-Experimente durchgeführt, nur die Ergebnisse sind die gleichen wie in den USA.

Mich würde noch interessieren, wie man als Physiker zum Thema Psi oder Parapsychologie kommt? War es ein schwieriger Weg, schließlich werden ihre Kollegen doch wahrscheinlich sehr skeptisch diesem Forschungsgebiet gegenüber gewesen sein?

Ich kam zu dem Thema, gerade weil ich mich für Physik interessierte. Wenn in den Phänomenen auch nur ein Funke Wahrheit steckt, muss man sie untersuchen und kann nicht einfach herkömmliche Physik betreiben und das ignorieren. Ich studierte dann hier in Freiburg Physik, wo Hans Bender Vorlesungen über Parapsychologie hielt. Zu meinen Kollegen…ich habe ja hier in Physik promoviert und war Assistent und sozusagen der Spezialist für ungewöhnliche Sachen.

Und das war nicht negativ belegt?

Nein, überhaupt nicht. Mein Doktorvater schätzte mich sehr und er sagte, er glaube zwar nicht, dass an den Sachen etwas dran sei, aber er hätte den Eindruck, ich sei kein Spinner und ich solle mal machen. Später hat er mich auch sehr unterstützt, so dass ich meine Experimente durchführen konnte. Er war zwar stets der Meinung, es könne nichts dabei herauskommen, aber er hielt mich für einen guten Physiker und ließ mich forschen.

Ich dachte, man müsste gegen mehr Widerstände angehen.

Ich musste auch gegen Widerstände angehen, aber das war bei den Psychologen. Sie wollten nichts davon wissen. Die Physiker waren dagegen eher aufgeschlossen.

Aber gerade die Psychologen müssten doch sehen, dass es Phänomene sind, die manchen Menschen extrem zusetzen bzw. Probleme bereiten?

Die Psychologen denken viel klassischer als die Physiker. Außerdem ist die Psychologie noch nicht so eine tradierte Wissenschaft wie die Physik, vielleicht kommt daher der Hang der Psychologen sich abzugrenzen. Sie haben wohl immer noch Angst, als Spinner angesehen zu werden.

Aber mit den Phänomenen wurden Psychologen doch bestimmt regelmäßig konfrontiert?

Natürlich. Als die Psychologie als Wissenschaft aus der Taufe gehoben wurde vor etwa hundert Jahren – Wilhelm Wundt, Fechner, etc. – diese Leute haben sich alle gleichermaßen für Parapsychologie interessiert. Erst relativ spät – etwa in den dreißiger Jahren – wurde die Parapsychologie an die Seite gedrängt.

Betrachtet man das Phänomen des Mediumismus, fällt auf, dass die Hochzeit zwischen 1860 und 1930 war, danach klingt das völlig ab. Woran lag das? Gab es danach keine Medien mehr?

Nein, das nicht, aber das hängt damit zusammen, dass sich die Psychologen ausgeklinkt haben. Im wesentlichen hat das wohl mit dem Siegeszug des Behaviorismus zu tun – alles wurde in ein Reiz-Reaktions-Schema gepresst, der Geist-Körper-Dualismus hatte ausgedient. Geistige Größen galten als Unfug, das wirkt sogar heute noch nach. Die Psychologen scheuten damals geistige Größen, wie der Teufel das Weihwasser. Und Medien gibt es nach wie vor, sie schließen sich vom Rest der Gesellschaft in spiritistischen Zirkeln ab. Und sie sind nach wie vor davon überzeugt, dass sie Kontakt zu Geistern etc. hätten. Interessant ist jetzt diese Renaissance, dass sich Künstler auf einmal wieder verstärkt mit dem Thema befassen.

Ja, sehr stark seit den sechziger Jahren. Parapsychologie ist darin ein abstruses Modell des Anderen, ein ideales Bild für das, was eigentlich nicht auszudrücken ist. Oft wird es in der Kunst allerdings ironisch gebrochen.

Ich denke, es ist gut, wenn man nicht so bierernst daran geht. Es ist eine Ausdrucksform von menschlichen Dingen. Menschen sehen eben Geister, sie anthropomorphisieren ihre Lebenswelt, das gehört zum Menschsein dazu. Und das hat gute Gründe. Die klassischen Geistervorstellungen, die nach wie vor verbreitet sind, die Leute reden nur nicht mehr darüber, sind psychohygienisch sogar hilfreich, denn wenn man etwas erlebt, was man nicht einordnen kann, entsteht – psychodynamisch – bei manchen Menschen so eine Art Angst, dass man überhaupt nichts mehr im Griff hat, dass die Welt sozusagen aus den Angeln ist. In der Psychologie heißt das „Angst vor dem Kontrollverlust“. Diese Angst gehört zu den schlimmsten Ängsten, die es gibt – etwa wie Todesangst. Wenn man nun ein Erklärungsmodell wie Geister oder dergleichen hat, dann kann man dem Ganzen zumindest einen Namen geben, man hat ein Modell, mit dem man umgehen kann und die Situation entspannt sich vielleicht.

Ich möchte noch einmal auf die Medien zu sprechen kommen…

Es gibt noch eine Menge Medien. Ich treffe häufig auf Veranstaltungen auf Medien, die dann Anwesenden helfen, indem sie angeblich mit Verstorbenen Kontakt aufnehmen, etc.

Was halten sie denn davon? Diese Medien wollen die Leute ja meist nicht böswillig hinters Licht führen, das ist ja keine Strategie…

Nein, ganz und gar nicht. Das sind Menschen, die intuitiv wissen, wo andern der Schuh drückt und sie setzen es dann in ein solches Bild um. Meist sind das gute Psychologen.

Ich verbinde ja immer dieses absurde Bild von Levitationen mit Medien und Seancen. Was halten Sie davon?

Für diese makroskopischen Phänomene gibt es nur zwei Möglichkeiten, entweder es gibt so etwas oder die Personen machen das selbst. Und da habe ich – ehrlich gesagt – oft nicht den Eindruck.

Waren Sie denn selbst schon einmal Zeuge eines solchen Phänomens?

Ich war schon in Wohnungen, da sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen und die Leute sagten, wir waren es nicht.

Aber sie waren nie bei den Phänomenen zugegen?

Doch, aber es war immer so, dass man nicht exakt entscheiden konnte, was los ist. Das entspricht dann ja auch dem System der nichtlokalen Korrelation.

Dr. rer. Nat. Dr. phil. WALTER VON LUCADOU, geboren 1945, Studium der Physik und Psychologie in Freiburg im Breisgau und Berlin, 1974-77 Assistent am Physikalischen Institut der Universität Freiburg, 1977-79 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kiepenheuer-Institut für Solarastronomie, 1979-85 wissenschaftlicher Assistent an der Abteilung für Psychologie und Grenzgebiete der Psychologie der Universität Freiburg, 1985-87 Gastdozent am Parapsychologischen Laboratorium der Universität Utrecht (Niederlande) und an der Princeton University (USA), Lehrbeauftragter an verschiedenen Fachhochschulen und Universitäten, seit 1989 Leitung der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg, Mitherausgeber der Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie und der Zeitschrift Cognitive Systems. Www.parapsychologische-beratungsstelle.de