Gespräche mit Künstlern , 2003

JONATHAN MEESE

DER WILLE ZUR STAATSKUNST:
„ICH BIN BEREIT, MICH WEITER ZU VERSTRICKEN“

EIN GESPRÄCH MIT ANGELA LAMPE

Seit seinen ersten raumfüllenden Installationen in den Jahren 1997 und 1998 hat Jonathan Meese einen entrückten Kunstkosmos erschaffen, der in seiner radikalen Eigenheit im internationalen Kunstbetrieb seinesgleichen sucht. Der Künstler, der 1970 als Sohn deutsch-walischer Eltern in Tokio geboren wurde, schert sich bei seiner Weltenschöpfung nicht um die üblichen Ordnungskoordinaten wie Raum und Zeit, Fiktion und Realität, hohe und populäre Kultur. In seinen Installationen, Aktionen, Gemälden, Assemblagen, Plastiken und Büchern finden Charles Bronson und Rasputin zueinander, Claudia Schiffer und Drusilla, Alex de Large und Yukio Mishima, Zardoz und die Nibelungen, Ezra Pound und Yves Saint-Laurent, Saint Just und Martin Heidegger, Marquis de Sade und Balthus, Björk und Richard Wagner. Binnen fünf Jahren entstand so ein komplex verschlungenes Referenzsystem – gerne unter den Begriff der individuellen Mythologien subsumiert -, in dem alles gleichzeitig und gleichwertig existiert, aber letztlich auf nichts verwiesen wird. Meeses Bilderwelt bleibt ebenso absurd wie hintergründig und ebenso grotesk wie poetisch. Das gleiche gilt für seine Wortfindungen, rätselhafte Sprachbilder wie Erzrunengott, Diamantentum oder Erntekind, die als Wandinschrift, in Bildkompositionen oder in der Titelgebung auftauchen. Die Kunst feiert bei Meese ihre Autonomie. Dennoch kommen einem im Angesicht Meeses mythischer Wahlfamilie und einer intensiven Beschäftigung mit der eigenen Person die drei berühmten Fragen aus dem Gauguin-Gemälde Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?nicht aus dem Sinn. Besonders in seiner Malerei, der er sich seit dem Herbst 2000 zugewandt hat, projiziert er sich…

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