Gespräche mit Künstlern · von Rainer Metzger · S. 234
Gespräche mit Künstlern , 2003

BIRGIT JÜRGENSSEN

„WIE ERFÄHRT MAN SICH IM ANDEREN, DAS ANDERE IN SICH?“

EIN GESPRÄCH MIT RAINER METZGER

Der Katalog, in dem Birgit Jürgenssen die Arbeit der letzten drei Jahrzehnte Revue passieren lässt, sieht aus wie ein Bildwörterbuch zur Gender-Debatte. Was die Künstlerin einst einforderte, ein Lexikon zur Gegenwartskunst von Frauen, scheint in ihrem Oeuvre gewissermaßen in Personalunion verkörpert. Erstaunlich ist es, wie früh sich die 1949 in Wien geborene Birgit Jürgenssen Methoden zu eigen machte, die heutzutage unter postfeministischer Praxis firmieren, und wahrscheinlich ist es das Investigative, Selbst-Distanzierte, Experimentelle und damit immer schon Vorläufige, das es bis dato verhindert hat, Birgit Jürgenssen an oberen Positionen im Künstlerinnen-Ranking zu verorten. An der Wichtigkeit ihrer Arbeiten jedenfalls besteht kein Zweifel. Rainer Metzger sprach mit Birgit Jürgenssen über Karriereplanung in einer Welt, die allen Ernstes davon ausging, Frauen könnten nicht malen.

Rainer Metzger: Was mir in Ihrer Arbeit eine ganz zentrale Qualität zu sein scheint, ist die Ironie. Etwas, das heutzutage gerne einmal als verpönt gilt.

Birgit Jürgenssen: Es ist Selbstironie. Es ist Abstand, und die Distanz, die in meiner Arbeit wirksam wird, hat damit zu tun, dass ich stark in Rollenklischees aufgewachsen bin und nicht genau wusste, wie ich damit umgehen sollte. Ich war in einem Zwiespalt, wieweit ich in meiner künstlerischen Ausdrucksweise gehen konnte. So habe ich einfach meine Alltagssituationen zeichnerisch oder fotografisch dargestellt. Eine Performance erschien mir zu direkt, und ich war einfach auch zu scheu, um öffentlich aufzutreten.

Ihre Haltung war gewissermaßen postfeministisch, auch wenn sie sich nicht gerade von emanzipatorischem Elan herleitet. Man muss…

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