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Titel: Vilém Flusser · von Gottfried Jäger · S. 82 - 82
Titel: Vilém Flusser , 1992

Gottfried Jäger
Freiheit im Apparatekontext:

Vilém Flusser

Mit seinen Sätzen zur Fotografie hat Vilém Flusser Entscheidendes für ein neues Selbstverständnis dieses Faches gesagt, ihm einen neuen Sinn gegeben: „gegen den Apparat spielen!“ – diese Anweisung ist ein subversiver, befreiender Gedanke, ihre Verwirklichung ein symbolischer Akt im Kampf des Menschen gegen den sturen, von ihm selbst geschaffenen seelenlosen „Apparat“. Kein anderer moderner Medientheoretiker und Philosoph hat sich in den vergangenen Jahren so vehement positiv für die Fotografie und ihre Erneuerung eingesetzt. Die fotografische Zunft hat ihm viel zu verdanken. Nur wenige haben es bemerkt.

Er sah das Foto als erstes „nachgeschichtliches“ Bild an, bei dem lineare, numerische Texte ins Bild gesetzt werden. Im Gegensatz zu den „vorgeschichtlichen“ Bildern, die vor der Erfindung der linearen Schrift hergestellt wurden, und den „geschichtlichen“, die mit linearen Texten in unmittelbarem oder mittelbarem Widerspruch stehen, sind Fotos Projektionen eines magischen Bewußtseins und damit potentielle Ausgangspunkte für Geschichte. Sie komputieren neue geschichtliche Möglichkeiten, sie sind Entwürfe, nicht Dokumente. „Aber erst jetzt enthüllen sich für uns diese in ihr schlummernden utopischen Virtualitäten.“ Fotos sind nicht Rückblick, sondern „Ausblick auf sich öffnende Horizonte“. Mit diesem Umkehrschluß hat Flusser neuen Freiraum und Bewegung geschaffen – sowohl im Denken über Fotografie als auch im Umgang mit ihr.

Wo andere Fototheoretiker in erster Linie auf das fotografische Dokument abhoben und im Sinne ihrer jeweiligen Prämissen durchaus schlüssig Pessimismus und Melancholie verbreiteten, etwa durch ihre Absage an die Existenz einer fotoeigenen „Syntax“, eines fotografischen Stils – ich denke an Susan Sontag, Roland Barthes oder Pierre Bourdieu u.a….


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von Gottfried Jäger

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