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Magazin: Publikationen · von Stefan Römer · S. 486 - 486
Magazin: Publikationen , 1996

Ges(ch)ichtspunkte der Kunstgeschichte

Ein Einstieg für Kunstgeschichtsanfänger

Gerade dem selbstvergessenen Orchideenfach Kunstgeschichte kann jeder Versuch eines systematisch aktualisierenden Überblicks zur Einführung in seine Theoriegeschichte nur nützlich sein. Zumal an den vielen Universitäten mittels lange eingeprobter Stilgeschichte oder Ikonographie unhinterfragt in immer tiefere Bereiche historisch ferner Epochen eingedrungen wird, scheinbar ohne Wahrnehmung der Gegenwart. In meiner Studienzeit in der zweiten Hälfte der 80er wurde man als Exot betrachtet, erdreistete man sich französische Philosophen zu erwähnen oder gar ähnliche Leseweisen einzuschlagen. Die von vereinzelten Dozentinnen vorgetragenen feministischen Studien wurden argwöhnisch observiert. In diesem Klima bestand lediglich die Option, sich in die Forschungen der Professoren einzuklinken, ihre theoretischen Ansätze waren aber meist unsichtbar und Diskussionen darüber unerwünscht.

In dem von Marlite Halbertsma, Dozentin an der Uni in Rotterdam, und Kitty Zijlmans, Dozentin an der Uni Leiden, herausgegebenen Band „Gesichtspunkte. Kunstgeschichte heute“ finden sich Texte zu den großen Ansätzen und Methoden der Kunstgeschichte und ihrer eigenen Geschichte; der Band erscheint als überarbeitete und um das Kapitel „New Art History“ von Halbertsma/Zijlmans ergänzte Ausgabe, der bereits 1993 auf holländisch erschienen war. In einer übersichtlichen Gliederung der Kapitel werden folgende Themen vorgestellt: Die Entstehung der Kunstgeschichte in den deutschsprachigen Ländern und den Niederlanden (M. Halbertsma), Stilanalytische Ansätze (G. Willims), Ikonologie und historische Anthropologie (R. Falkenburg), Marxismus und Kunstgeschichte (F.J. Witteveen), Feministische Kunstgeschichte (M. Halbertsma), das Verhältnis Kunst, Geschichte und Soziologie (T. Beevers), Kunstgeschichte und Semiotik (A.J. Gelderblom) sowie Kunstgeschichte als Systemtheorie (K. Zijl mans) neben der bereits erwähnten New Art History (Halbertsma/Zijlmans).

In ihrem einleitende Fragestellungen aufwerfenden Text »Kunstwerk, Kontext, Zeit« stellen Zijlmans/Halbertsma fest: »Es gibt keine Kunstgeschichte unabhängig von Personen, die diese Wissenschaft betreiben … Kunstgeschichte „an sich“ gibt es nicht.« Insofern folgen die Genealogien mehr oder weniger den Geschichten der Forscherinnen und Forscher. Eine ihrer wesentlichen Thesen ist, daß Kunstgeschichte nicht synonym mit Kunst zu betrachten ist, insofern kunstgeschichtliche vor allem auch mit geisteswissenschaftlichen Entwicklungen parallel gelesen werden müssen: »Wissenschaft betreiben heißt, eine Methode zur Wissenserzeugung anzuwenden, dieses Wissen zu ordnen und die theoretischen Ausgangspunkte weiterzuentwickeln.« Danach zielt die Kunstgeschichte ganz allgemein darauf, Kunst historisch einzuordnen und zu erklären. Darin besteht auch der wesentliche Unterschied zu den Nachbardisziplinen Kunsttheorie, -kritik und Ästhetik, die jedoch genauso wie bspw. Literaturwissenschaft und Philosophie nicht außer acht gelassen werden sollten: »So wie Kunstwerke ihre Bedeutung und ihren historischen Ort erst im Vergleich mit anderen Kunstwerken erhalten, ist auch Kunstgeschichte als wissenschaftliche Disziplin nur in Bezug zu anderen Disziplinen vorstellbar und praktizierbar.« Im Vergleich mit dem vor zehn Jahren erschienen Buch „Kunstgeschichte. Eine Einführung“ (Belting, Dilly, Kemp, Sauerländer, Warnke Hg.) fällt auf, daß damals die einzelnen Wissenschaftler aus ihrer Forschung heraus Ansätze vorstellten, während hier mehr die großen historischen Entwicklungslinien der einzelnen Methoden nachvollzogen und Überblicke geboten werden. Zum Teil wirken die Artikel von „Gesichtspunkte. Kunstgeschichte heute“ etwas zu summarisch und die unterschiedlichen historischen und epistemologischen Prämissen lassen an Prägnanz vermissen. Dagegen führt Gelderblom einleuchtend in das Thema Kunst und Semiotik ein und Halbertsma faßt die feministische Kunstgeschichte in der Aufschlüsselung der Entwicklungen und Referenzen um einiges weiter als der vergleichbare Artikel im zehn Jahre früher veröffentlichten Reader.

Resümierend kann „Gesichtspunkte. Kunstgeschichte heute“ als ein brauchbarer Einstieg für Kunstgeschichtsanfänger und als Hinweisgeber auf weiterführende Literatur betrachtet werden; fortgeschrittene Studenten sollten sich keine neuesten Wissenschaftsansätze und -diskussionen erhoffen.

Stefan Römer