Magazin , 1999

Hans Peter Thurn: Die Vernissage

Vom Künstlertreffen zum Freizeitvergnügen

Selbstbewusst trat das junge Paar durch die gläserne Eingangstür. Sie waren spät dran heute abend, und alle anderen waren schon da. Mit ausgebreiteten Armen und einem strahlenden Lächeln im Gesicht empfing sie die Galeristin: Schön, dass ihr kommen konntet. Darf ich euch mit der Künstlerin bekannt machen? Behände bahnte sie sich einen Weg durch die Menge, grüßte links, lachte rechts. Möchtet ihr etwas trinken? Wenige Minuten später waren sie mit einem Glas lauwarmen Weißwein in der Hand in eine launige Plauderei verwickelt.

Die Vernissage, die Eröffnung einer Ausstellung mit geladenen Gästen, folgt besonderen Regeln. Die Kunst ist für dieses Treffen nur der Anlass. Wichtiger als ästhetische Fragen sind an diesem Tage andere Themen. Wer redet mit wem? Worüber wird gesprochen? Was gibt es zu essen und zu trinken? Wie sind die anderen gekleidet? Ist man zur späteren Nachfeier im Restaurant eingeladen? „Die Vernissage entstand an der Schwelle der Moderne aus dem Bedürfnis, der riskanten, stets geltungsunsicheren Hervorbringung namens Kunst zu einer einigermaßen ungefährdeten Geburt in die meist skeptische Öffentlichkeit zu verhelfen,“ schreibt der Soziologe Hans Peter Thurn. In seinem Buch „Die Vernissage“ hat er sich mit diesem „archaischen wie modernen Ritual“ auseinandergesetzt, die Ursprünge erforscht, die Besonderheiten analysiert und die Entwicklung durch die Jahrhunderte verfolgt. Neben eigenen Recherchen in der Kunstszene dienten ihm frühe Dichtungen, Briefwechsel, Tagebuchaufzeichnungen, Reportagen und Romane als Quellen für seine Darstellung.

Der Begriff „Vernissage“ wurde von dem Wort „Firnis“ abgeleitet, einer Lösung aus Weichharzen oder Ölen, die als dünne, lackartige Schutzschicht…

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von Cornelia Gockel

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