Titel: Herrschaften des Sammelns · von Heinz-Norbert Jocks · S. 32
Titel: Herrschaften des Sammelns , 2014

Herrschaften des Sammelns

Das museale und das private Sammeln

Herausgegeben von Heinz-Norbert Jocks

Die Heilige Macht der Sammler“ hießen zwei von Heinz-Norbert Jocks für Kunstforum International herausgegebene Bände. Sie verstanden sich als eine gegengängige Reaktion auf die zunehmende Popularisierung und Popularität privater Sammler. Einzelne von ihnen sorgen mit ihren glamourösen Auftritten in Venedig, Miami und anderswo für Schlagzeilen. Kunstforum International wagte damals einen kritischen Blick hinter die Kulissen und porträtierte ganz unterschiedliche Sammler in Form von Gesprächen, um deren Besonderheiten und Eigentümlichkeiten des Sammelns herauszustellen. Zudem ging es um den zunehmenden Einfluss des Marktes auf die von Sammler mitgeprägte Kunstwelt. Bei den Recherchen hatten sich neue Aspekte ergeben, die ausgespart geblieben waren und nun den Ausgangspunkt für diesen ebenfalls von Heinz-Norbert Jocks konzipierten Themenband „Herrschaften des Sammelns. Museales und privates Sammeln“ bilden. Drängt sich doch vor dem Hintergrund, dass Sammeln eine Form der Kunstgeschichtsschreibung ist, die Frage auf, ob nicht, wer sammelt, auch Herrschaft ausübt.

Auch wenn die Zeit vorbei zu sein scheint, da man noch einen Kanon aufstellen wollte, geistert diese Vorstellung immer noch in den Köpfen. Aber was meint das genau? Wird da nicht der Versuch unternommen, eine Axiomatik zu verankern? Ein Code, der besagt, was gute und was schlechte Kunst ist? Wer entscheidet in letzter Instanz darüber? Die privaten Sammler oder die Repräsentanten öffentlicher Sammlungen, die heute nicht mehr wie früher zwangsläufig Kunsthistoriker sein müssen? Und: Was bedeutet es für die Kunst, die gegen ihre Musealisierung revoltierte, in Sammlungen aufgenommen zu werden? Wir sehen: Das Thema des Sammelns ist ein viel weiteres und komplexeres Feld, als es in den zahlreichen, auf dem Buchmarkt geworfenen Anleitungen zum Sammeln mit wenig Geld, sowie in Tages- und Wochenendzeitungen den Anschein hat. Da der Ankaufsetat öffentlicher Museen oft nicht den finanziellen Möglichkeiten privater Sammler entspricht und Museen auf Werke aus privaten Sammlungen angewiesen sind, wenn es darum geht, Ausstellungen zu machen, und weil öffentliche Sammlungen nicht selten auf private Sammlungen aufbauen, wird die Frage immer dringlicher, wie beide Seiten miteinander kommunizieren. Nehmen Sammler Einfluss auf Museen? Wie verhalten sich diese dazu? Wie lässt sich letztlich eine für beide Seiten gleichermaßen produktive Beziehung kreieren? Und: Worin überhaupt unterscheiden sich das museale und das private Sammeln? Was bedeutet es in dem Zusammenhang, dass nicht selten Lücken öffentlicher Sammlungen mit privaten gestopft werden. Eine andere Frage, die sich stellt: Wie bewusst sind sich die Vertreter öffentlicher Museen darüber, dass Sie sammelnd auch Kunstgeschichte schreiben?

Weil die Situation von Land zu Land und von Kontinent zu Kontinent verschieden ist, kommen in diesem speziellen Themenband private Sammler und Repräsentanten aus Deutschland, London, Montevideo, Wien, Zürich, Paris, Tel Aviv zu Wort. In seinem einführenden Essay geht Heinz-Norbert Jocks von der Frage aus, was wohl wäre, wenn sich alle Sammlungen zu einer einzigen zusammenführen ließen. Hätten wir damit einen enzyklopädischen Überblick gewonnen? Zudem geht es um die Differenzen zwischen musealen und privaten Sammlungen. Die statistische Erhebung von Matthias Resch und seinem Assistenten liefert schließlich einen Überblick über die Interventionen privater Sammler im Museumkontext.

Die Gespräche mit Sammlern und den Repräsentanten öffentlicher Museen geben einen Einblick in die unterschiedlichen Motivationen, Vorgehens- und Herangehensweisen. Wie sehen die Beziehungen zwischen beiden Seiten in der Praxis aus? Aber auch die konkrete Situation in den Vereinigten Staaten, in Russland, Israel, Uruguay, Frankreich, Schweiz, Österreich und Deutschland wird dabei beleuchtet. Das Gespräch mit Suzanne Pagé stellt insofern ein Ausgangspunkt der Betrachtungen dar, weil sie die erste Direktorin eines öffentlichen Hauses in Frankreich war, die private Sammler dazu einlud, Teile ihrer Sammlung auszustellen. Zeigte sich doch, dass das Zeitgenössische von den Museen bis dahin in Frankreich strikt ausgeblendet worden war. Sammler waren und sind auf diesem Gebiet nicht selten Pioniere. Dieser Rückblick spiegelt die Veränderungen seit der legendären Ausstellung „Private Leidenschaften“ wider.

von Heinz-Norbert Jocks

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