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Ausstellungen: Heilbronn/Duisburg/Aarau · von Jörg Restorff · S. 348 - 350
Ausstellungen: Heilbronn/Duisburg/Aarau , 1994

Jörg Restorff
Katalanische Skulptur im 20. Jahrhundert

Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg, 30.10.1993 – 2.1.1994
Städtische Museen Heilbronn, 4.2. – 10.4.1994

Kunstmuseum Aarau, 29.5. – 31.7.1994

Zeitlich trennt sie kaum mehr als die Spanne eines langen Menschenlebens, Paul Gargallos geschmeidige Marmorstatuette der Cleopatra und Susana Solanos monumentale Eisenobjekte aus dem sperrigen Bezirk der Schwerindustrie. Doch beim Vergleich von Gargallos 1906 geschaffener Jugendstil-Aktfigur, deren erotische Pose zielstrebig als Eye-catcher eingesetzt wird, und Solanos schroffen, abweisenden Objekten aus den späten achtziger Jahren versagt das Modell einer zeitlichen Kontinuität, das dem gebräuchlichen Wort von der „Skulptur im 20. Jahrhundert“ zugrunde liegt. Die beiden Werke verkörpern nicht einmal extreme Gegenpole – sie sind recht eigentlich inkommensurabel. Dennoch gehören sie zum Bestand einer aus Barcelona importierten Wanderausstellung über moderne katalanische Skulptur, die im Duisburger Wilhelm Lehmbruck Museum zu sehen war. Da stellt sich die Frage: Wird hier zusammengezwungen, was nicht zusammengehört?

In der Tat vereint die mit 82 Werken von 18 Bildhauern bestückte Ausstellung Disparates. Sieht man ab von Gargallos lasziver Cleopatra, ein Fremdkörper, der sich aus einem Salon der Belle Époque in den sachlichen Museumsbau verirrt zu haben scheint, werden drei Einschnitte erkennbar: bei der in den späten dreißiger Jahren aufkommenden spanischen Eisenskulptur, vertreten mit Beispielen von Pablo Gargallo und Juli González, bei dem Komplex der surrealistischen Werke von Dalí, Miró und Joan Brossa, schließlich in den achtziger Jahren, wo eine neue Generation katalanischer Künstler die traditionellen Bildhauermaterialien wiederentdeckt und eine eigenständige Ausprägung der Minimal-art hervorbringt. Von diesem Mainstream mit den wichtigsten Stationen der katalanischen Moderne zweigen verschiedene Nebengleise ab, schwer rubrizierbare Werkgruppen von Picasso, Leandre Christòfol, Eudald Serra, Antoni Tàpies, Moisès Villèlia, Marcel Martí und Xavier Corberó.

Picassos noch vor dem Umzug nach Paris in Barcelona entstandene kleine Bronze einer am Boden kauernden Frau, ein Werk mit resignativem Unterton, das er 1902, am Beginn der „Blauen Periode“ schuf, ist sein frühester Versuch im Medium der Skulptur. Von dem recht konventionellen Erstling haben wir nur deshalb Kenntnis, weil der Künstler in Geldnot seine sämtlichen alten Tonmodelle an den Kunsthändler Vollard veräußerte, der diese post festum in Bronze gießen ließ. Rodins Kunst der „Buckel und Höhlungen“ steht bei der nuancierten, unruhig bewegten Oberflächenbehandlung der blockhaft geschlossenen Figur merklich im Hintergrund. Gleiches gilt für das zweite plastische Frühwerk Picassos in der Ausstellung, die Bronzestatue einer sich kämmenden Frau von 1906. Zwischen diesen beiden introvertierten, ermatteten Figuren und dem dritten Werk Picassos, das die Ausstellung zeigt, der quirligen Gipsskulptur eines kecken Hahns von 1933, dessen Federgewand durch Abdrücke von Blättern nachgeahmt wird, haben sich künstlerische Häutungen von großer Tragweite vollzogen, liegen Picassos Experimente mit primitivistischer Plastik, kubistischer Skulpur und Materialkonstruktionen.

Bekanntlich benötigte Picassos berühmteste Eisenskulptur, das filigrane Denkmal für den surrealistischen Dichter Guillaume Apollinaire, eine luftige Stangenkonstruktion aus verschweißtem Metall, einen Geburtshelfer: den fünf Jahre älteren Bildhauer und Kunstschmied Juli González (1876-1942), der 1918 eine Schwei-ßerlehre bei den Renault-Werken absolviert hatte und somit über die notwendigen technischen Kenntnisse für das Projekt verfügte. Es war González, der das gleichsam in den freien Raum gezeichnete geometrische Eisengerippe nach Schemazeichnungen Picassos anfertigte. In dessen Atelier schuf Picasso zwischen 1928 und 1931 rund zehn Skulpturen aus geschweißten Eisenteilen.

Von González sind mehrere abstrahierende Masken aus Eisen oder Bronze in Duisburg zu sehen. Die Merkmale eines Kopfes deutet der Künstler an, indem er einzelne Metallbleche additiv neben- und ineinanderfügt. Bei einer spielerischen „Palettentänzerin“ aus geschmiedetem und verschweißtem Eisen (1934) mimt eine ovale Scheibe den Leib der Tänzerin, Eisenstäbe verkörpern das schwungvolle Ausholen ihrer Extremitäten. Erdenschwere erfüllt dagegen González‘ „Sitzende Frau“, eine massive Bronze von 1935, zusammengefügt aus Quadrat, Winkel und Kurve.

Hält man die scharfkantigen Skulpturen von González neben zeitgleiche Arbeiten von Paul Gargallo (1881-1934), dem zweiten bedeutenden Eisenbildhauer Kataloniens, wird besonders deutlich, wie stark Gargallo auch in seinem reifen Werk dem fließenden, schönlinigen Duktus des art nouveau verpflichtet bleibt. Gargallos Hang zum Klassizismus belegt die 1932 datierte eiserne Paraphrase der antiken Antinous-Statue. Der Aufgabe, die weichliche, elegant ponderierte Marmorstatue in den artfremden Werkstoff umzusetzen, entledigt er sich durch Rhythmisierung der Skulptur. Die einzelnen Körperglieder sind in Arabesken aufgelöst, das Körpervolumen wird durch gerundete Aussparungen im Metall aufgezehrt und entmaterialisiert.

Im Surrealismus, wo Literatur und Malerei den Ton angeben, spielt die Skulptur nur eine untergeordnete Rolle, obwohl auch sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf den Bildfundus des Unbewußten, auf die assoziative, alogische Kombination disparater Wirklichkeitsbereiche besinnt. Auch im Schaffen von Miró und Dalí ist sie eher eine Randerscheinung. Zu einem der gezeigten Objekte Dalís – erwähnt seien außerdem ein morbider Dantekopf, bekränzt mit einem Lorbeer aus vergoldeten Silberlöffeln, sowie zwei edelsteinfunkelnde „Merkurstäbe“ (1982), denen man ansehen soll, woraus sie bestehen -, dem „Aphrodisischen Jackett“ (1936), an dem Gläser haften, die einen anregenden Likör (jetzt pulverisiert) enthalten, bringt der Katalog eine „Eigendeutung“ des Künstlers: „Dieses Jackett“, schreibt Dalí, „hat den Vorteil arithmetischer Zahlenkombinationen und paranoisch-kritischer Zahlenspiele, die durch die anthropomorphe Situation der Gläser hervorgerufen werden.“ Stringenter dann Dalís Gebrauchsanweisung für das surrealistische Kleidungsstück: „Es kann bei sehr dunklen Nachtausflügen getragen werden, vorzugsweise in sehr prächtigen Fahrzeugen, die sehr langsam (um die Flüssigkeit in den Gläsern nicht zu verschütten) fahren, während einer dieser sehr ruhigen Nächte und bei völlig ausgeglichener Gemütslage.“

Die manieristische Wortakrobatik Dalís im Ohr, tritt man an das fünfteilige Miró-Ensemble und ist sofort in einer anderen Welt. Gegenüber den schlichten Objekten des späten Miró, in Bronze gegossenen Assemblagen und Keramiken mit gegenständlichen Verweisen von lapidarer Selbstverständlichkeit, erscheinen Dalís Konkretionen seiner „paranoid-kritischen Methode“ fast frivol.

Während die klassische Moderne Kataloniens als relativ homogener Block gut zu fassen ist, wird die Szene nach dem Zweiten Weltkrieg unübersichtlicher. Die katalanische Skulptur fächert sich auf in ein vielfältiges Spektrum von Parallelaktionen und Kontrastprogrammen. Der Geist des Surrealismus lebt fort in den sophistischen Objekten des 1919 in Barcelona geborenen Joan Brossa, in Spanien einer der renommiertesten Vertreter der „Visuellen Poesie“. Einer Plastik von maßvoller Abstraktion, für die Form und Material weiterhin die ausschlaggebenden Parameter des Kunstwerks bilden, begegnet man bei Leandre Cristòfol (geb. 1908), Eudald Serra (geb. 1911) und Marcel Martí (geb. 1925). Die arte povera ist gegenwärtig in fünf Objekten von Antoni Tàpies; darunter, aus dem Besitz des Wilhelm Lehmbruck Museums, der mit einem gipsgetränkten Leinwandtuch verhüllte Stuhl (1970), ein hoheitsvolles Sitzmöbelfossil, dessen latent sakrale Symbolik Renate Heidt Heller im Katalog aufdeckt.

Unter dem Stichwort „Neue Orientierungen“ bündelt die Ausstellung abschließend Tendenzen der katalanischen Kunst in den achtziger und neunziger Jahren. Ein bemerkenswertes, erstaunlich kohärentes Finale, insofern als hier sechs zwischen 1940 und 1955 geborene Bildhauer mit einer Zunge reden. Sie eint die Idiosynkrasie gegen Objektkunst, Konzeptualismus und theoretische Reflexionen, die für die katalanische Kunst der siebziger Jahre prägend waren. An deren Stelle setzen sie minimalistische Formenaskese, eine Rückbesinnung auf die Eisenplastik und ein wuchtiges Bekenntnis zur Schwerkraft.

Den stärksten Eindruck hinterlassen Jaume Plensas monströse Säulen, Matratzen und Kuben aus Aluminium und Eisen. Das Verfahren des Eisengießens vergleicht der 38jährige Künstler mit „der Entstehung eines Berges, der vor langer Zeit flüssiges Magma war, dann erkaltete und zum Abschluß kam“. Bekanntlich hat aber schon mancher als erloschen deklarierter Vulkan urplötzlich angefangen, Feuer zu speien. Auch Plensas massive Objekte, deren einzelne, mit vorstehenden Stiften versehene Bestandteile von schweren Eisenhaken notdürftig verklammert werden, stehen trotz ihrer Starre scheinbar kurz vor dem Zerbersten – so überwältigend ist der Eindruck einer chtonischen, vom Künstler nur mühsam gebändigten Urgewalt, die jederzeit auf dem Sprung ist, das eiserne Verließ aufzubrechen.

Worte wie „fremdartig“, „rätselhaft“, „erhaben“, „totemistisch“, Vokabeln, zu denen man in seiner Verlegenheit greift, um den Charakter von Jaume Plensas Werken ein Stück zu erfassen, stellen sich auch angesichts der an Industriearchitektur erinnernden brutalistischen Konstruktionen Susana Solanos ein. Die 1946 geborene Künstlerin, die an der letztjährigen documenta 9 teilnahm, versteht ihre Skulptur, ein turmartiges Eisengerüst, begleitet von Holzpalisaden, als Reminiszenz an das Ambiente eines Badeorts am Mittelmeer. – Blick zurück aus den Bleikammern der katalanischen Avantgarde zu der einen Steinwurf entfernten Marmorstatue der Cleopatra. Es ist kaum eine Konstellation vorstellbar, welche die Ungleichartigkeit des Ungleichzeitigen prägnanter zum Ausdruck zu bringen vermag.

Der Katalog kostet 28 Mark.