Titel: Grosse Gefühle · von Gerhard Roth · S. 118
Titel: Grosse Gefühle , 1994

Gerhard Roth

Verstand und Gefühle

Die Frage nach den Antrieben menschlichen Verhaltens gehört zu den wichtigsten Fragen unserer Existenz. Zwei Instanzen werden in diesem Zusammenhang genannt: unser Verstand und unsere Gefühle, und diese empfinden wir traditionellerweise als Gegensatz. Der Mensch mag mit den Tieren in biologischer Hinsicht verwandt sein, Vernunft und Denken erheben ihn unvergleichlich über die vernunftlosen und von Gefühlen gesteuerten Tiere. Dem entspricht seit der antiken griechischen Philosophie die Definition des Menschen als Vernunftwesen, als animal rationale. Natürlich ist es den Philosophen, Psychologen und Anthropologen seit jeher klar gewesen, daß die Ratio keineswegs ausschließlich das menschliche Verhalten lenkt. Im Gegenteil, es wird zugegeben, daß Gefühle und niedere Triebe bedauerlicherweise oft über Verstand und Vernunft triumphieren. Die Verbesserung des Menschengeschlechts wird daher im Sieg des Verstandes und der Vernunft über Triebe und Gefühle gesehen. Nicht umsonst war es für den großen Philosophen Kant die größte sittliche Leistung des Menschen, sich gegen natürliche Neigungen aufgrund von Vernunftgründen zu entscheiden. Was wir aus Neigung tun, selbst wenn es sich um Gefühle wie Liebe und Freundschaft handelt, ist sittlich weniger wertvoll als das Handeln aus Pflicht. Solange wir uns allein unseren Gefühlen hingeben, handeln wir tierisch.

Diese Vorstellung ist tief in unser philosophisches und wissenschaftliches Denken eingegangen. Man kann in diesem Zusammenhang durchaus von einer Gefühlsfeindlichkeit der Wissenschaft sprechen. Gefühle sind etwas, das nicht Gegenstand der Wissenschaft ist oder zumindest sein sollte. Sie sollten wie Religiosität und politische Meinung dem Bereich der privaten Ansichten und Überzeugungen überlassen bleiben. Mit der Vernunft ist dies ganz anders,…

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