Monografie · von Johannes Meinhardt · S. 236
Monografie , 1994

Johannes Meinhardt

Hinrich Weidemann

Sichtbarkeitsspiele

Die früheste Gruppe von Arbeiten, mit der Hinrich Weidemann (geboren 1956) 1978-1980 an die Öffentlichkeit trat, bestand aus spielerischen, mehrschichtigen Installationen, die die Bedingungen, Regeln und Grenzen der ästhetischen Einstellung bzw. des Blicks auf Kunstwerke erforschten. Diese Installationen zeigten sich nicht einfach als Kunstwerke, sondern konfrontierten die Betrachter mit den institutionellen Wahrnehmungsbedingungen, durch die Kunstwerke als Kunstwerke definiert und gesehen werden. Durch einfache, aber raffinierte Verschiebungen, Verdoppelungen oder Zerrüttungen des `Rahmens‘, der Grenze zwischen dem Innen und dem Außen des Kunstwerks in der Fläche, im Raum oder in der Institution (der Galerie, dem Museum, dem Atelier) provozierte Hinrich Weidemann Unentscheidbarkeiten oder Überschneidungen von funktional-gegenständlichen und ästhetischen Einstellungen.

Daß die ästhetische Einstellung durch institutionelle `Rahmen‘ hervorgerufen wird, durch die gesellschaftliche Definition und Auszeichnung der Orte der Kunst, die diese den Gegenständen, die sie umschließen, als Aura mitteilen, ist zuerst von Marcel Duchamp, am klarsten und strengsten aber von Daniel Buren gezeigt worden. In gesellschaftlichem Maßstab wird der Übergang von einer pragmatischen und funktionalen Einstellung, einer Einstellung gegenüber körperlichen, kausalen, materiell faßbaren Objekten in der Welt, zu einer ästhetischen Einstellung, einer Einstellung gegenüber `immateriellen‘, akausalen, zugleich sinnliche und reflexive Effekte erzeugenden Kunstwerken durch institutionelle `Rahmen‘ determiniert: Kunstwerk ist, was sich innerhalb eines Rahmens, in einem Ausstellungsraum, innerhalb des Museums oder der Galerie befindet. Die Institution lenkt den Blick auf die Stellen, an denen sich Kunstwerke befinden: die zentralsten, sichtbarsten und zugänglichsten Stellen der Wand, des Raums, des Gebäudes. Die kritischen Punkte in den Institutionen sind, für die Unterscheidung der Einstellungen, die…

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