Magazin: Museen & Institutionen , 2000

Amine Haase

Kühle Kräfte

Zur Eröffnung der »Tate Modern« an Londons Bankside

Ein Kraftwerk ist ein Kraftwerk ist ein Kraftwerk – so könnte Power-Kunst-Poesie in Abwandlung der Rosen-Romantik der Picasso-Freundin und Kunstsammlerin Gertrude Stein im Jahre 2000 lauten. In London ist das Paris des (vorigen) Jahrhundert-Beginns fern. „Millennium“-Fieber grassiert an der Themse. Und dennoch scheint die Herausforderung, die zu den epochalen Projekten beflügeln, auf der anderen Seite des Ärmelkanals zu liegen. Nicht von ungefähr wohl lassen die Briten Reisende aus Paris nach Durchquerung des Euro-Tunnels in der Waterloo-Station ankommen! Und, was die moderne und zeitgenössische Kunst betrifft, will London nun das Centre Pompidou übertreffen. Immerhin ist der Nachholbedarf groß – und ein altes Problem zwischen den konkurrierenden Städten.

Tate Modern heißt, ganz programmatisch, die Kampfansage. Als solche könnte man sie tatsächlich ansehen, wenn man sich dem geradezu drohend am südlichen Themse-Ufer aufragenden ehemaligen Kraftwerk nähert: dunkler Backstein in strenger Symmetrie rechts und links von einem schier endlosen Schlot, der von 1963 bis 1981 rauchte und die eh heruntergekommene Umwelt verschmutzte. Ihr Erbauer war Giles Gilbert Scott, der von 1880 bis 1960 lebte, aber noch im 20. Jahrhundert einer neo-gotischen Backstein-Architektur huldigte, welche die Bankside Power Station – nach dem Tode seines Erbauers – zu einer Kathedrale der Industrie-Baukunst machte. Ansonsten erinnern in London Scotts rote Telefonhäuschen an diesen unzeitgemäßen Architekten. Den kuriosen Kraftwerkbau zu respektieren und nur durch dezente Retuschen als seinen industriellen Pflichten enthoben erkennbar zu machen, das war die Lösung, mit der das Schweizer Architekten-Team Herzog & de Meuron den Wettbewerb mit…

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