Magazin , 2005

Ingo Arend

Kunstmännerwelt

„Er ist Amerikaner, er ist rauher und brutaler, aber er hat auch mehr Substanz.“ Was der amerikanische Kritiker Clement Greenberg 1947 einmal über Jackson Pollock schrieb, hat das öffentliche Bild des Vorzeigekünstlers der abstrakten Expressionisten bis heute bestimmt: Die Geburt des ersten Helden der amerikanischen Kunst aus dem Geist der Freiheit. Der Held der kraftvollen Direktheit und Ungebundenheit ist das genaue Gegenteil zu dem europäischen Wesen der Raffiniertheit und Sublimierung, das die Kunstgeschichte bis dahin geprägt hat. Die Bedeutung Pollocks, dem Erfinder der „drippings“, als erstem genuinen Künstler der amerikanischen Moderne ist unbestritten. Trotzdem gilt der Kunstkritiker Greenberg mit seiner Kritik und Interpretation von Pollocks Werk mindestens genauso als „Schöpfer“ des ersten Künstlers der amerikanischen Avantgarde. In dem Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb er ihn zu einem Symbol der neuen Zeit empor.

Man hätte erwarten können, dass diese unfreiwillige Symbiose von Künstler und Kritiker ein spannendes Motiv für einen Roman über Jackson Pollock hätte abgeben können. Noch dazu, wenn ein so bedeutender Autor wie der amerikanische Romancier John Updike auf die Idee verfällt, diesen Roman zu schreiben. Doch Greenberg, der berühmte Kritiker, ist in „Sucht mein Angesicht“, dem zwanzigsten Werk John Updikes, allenfalls eine Randfigur. Gerade drei, vier mal taucht der Mann der Kritik darin kurz als „Clem“ auf. Eine tragende Rolle spielt er jedoch nicht. Auch der ästhetische Gründungsmythos des neuen Amerika gegen das alte Europa, den Greenberg da formulierte, steht nicht im Mittelpunkt von Updikes neuem Roman. Eher ist die Apotheose der Virilität, die in Greenbergs…

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