Ausstellungen: Köln · von Susanne Boecker · S. 345
Ausstellungen: Köln , 2010

Susanne Boecker

La Boheme

Die Inszenierung des Künstlers in Fotografien des 19. und 20. Jhrs.

Museum Ludwig, Köln, 25.9.2010 – 9.1.2011

Hippolyte Bayards 1840 entstandene Serie von „Selbstporträts als Ertrunkener“ gehört zu den großartigsten Selbstinszenierungen in der Geschichte der Fotografie. Todesschlaff dahingesunken hängt der Künstler mit nacktem Oberkörper auf einem Stuhl, den Kopf zur Seite geneigt, die Augen geschlossen, den Unterkörper mit einem verrutschen Leichentuch umhüllt. Auf der Rückseite einer dieser Fotografien findet sich folgende Notiz: „Der Leichnam, den Sie hier sehen, ist der des Herrn Bayard, des Erfinders des Verfahrens, das man Ihnen eben vorgeführt hat oder dessen wunderbare Ergebnisse Sie noch sehen werden. Soweit mir bekannt ist, beschäftigt sich dieser erfinderische und unermüdliche Forscher seit ungefähr drei Jahren mit der Vervollkommnung seiner Entdeckung. … Die Regierung, die Herrn Daguerre mehr als nötig unterstützt hatte, erklärte außerstande zu sein, für Herrn Bayard etwas zu tun, und der Unglückliche hat sich vor Verzweiflung ins Wasser gestürzt. Oh menschlicher Unbestand! Lange Zeit hindurch haben sich Künstler, Wissenschaftler und Presse mit ihm beschäftigt und heute, da er schon seit Tagen in der Morgue ausgestellt ist, hat ihn noch niemand erkannt noch reklamiert! …“

Der Erfinder des Direktpositiv-Verfahrens inszenierte sich auf diesen Fotografien als verkanntes Genie, das aus schierer Verzweiflung theatralischen Selbstmord begangen hat. Ob Bayard damals über die Niederlage gegenüber seinem Konkurrenten Louis Daguerre tatsächlich so verzweifelt war? Fakt ist, dass diese Aufnahmen keineswegs das Ende seiner Fotografen-Karriere markieren: Bayard arbeitete in den nächsten Jahrzehnten erfolgreich als Fotograf und erhielt mehrere Auszeichnungen. Sein 1840, ein Jahr nach…

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