Ausstellungen: Stuttgart ,

Stuttgart

Lorenza Böttner

Requiem für die Norm

Württembergischer Kunstverein Stuttgart 23.02. – 28.07.2019

von Johannes Meinhardt

Der Württembergische Kunstverein zeigt in Zusammenarbeit mit La Virreina Centre de la Imatge in Barcelona die erste Einzelausstellung von Lorenza Böttner. Auf der documenta 14 in Kassel, 2017, waren schon einige Arbeiten von ihr ausgestellt worden. Lorenza Böttner, geboren als Ernst Lorenz Böttner 1959 in Punta Arenas, Chile, gestorben 1994 in München, hatte im Alter von acht Jahren infolge eines schweren Unfalls beide Arme verloren. Seine Mutter kehrte mit ihm nach Deutschland zurück, wo, vor allem wegen der großen Zahl von Kindern, die durch Contergan geschädigt worden waren, eine Infrastruktur für ,Behinderte‘ aufgebaut worden war; zusammen mit solchen Kindern wurde er in Kliniken und Institutionen der Rehabilitation ausgebildet. Lorenz Böttner rebellierte jedoch bald dagegen, zu einem ,Behinderten‘ gemacht, als ,Behinderter‘ gesellschaftlich definiert zu werden; er lehnte Prothesenarme ab und verweigerte sich dem ihm vorgezeichneten medizinisch-sozialpädagogischen Werdegang. Für ihn wurde es zu seiner Lebensaufgabe, sich dem vierfachen Unsichtbar-, Neutralisiert-, Ent-sexualisiert- und Eingeschlossenwerden seines nichtnormierten und nichtkonformen Körpers entgegen zu stellen.

Der ,behinderte‘ Körper, der Krüppel, der Freak, war kein eigenständiges Subjekt, das für sich selbst entscheiden und sein eigenes Leben führen konnte, sondern das Objekt einerseits der Medizin und der Sozialarbeit, andererseits der faszinierten und schaudernden Schaulust. ,Behinderte‘ wurden unsichtbar, indem ihre Behinderung durch Prothesen supplementiert wurde oder sie in Institutionen, ,Heimen‘, verschwanden; sie wurden infantilisiert und entsexualisiert als Objekte der Betreuung und der Überwachung; ihnen wurden künstlerische Kompetenz abgesprochen, da ihr Körper dazu nicht geeignet zu sein schien – was…

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