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Titel: Art & Pop & Crossover · von Paolo Bianchi · S. 227 - 234
Titel: Art & Pop & Crossover , 1996

Luigi Archetti
»Musik und Malerei: Es ist immer ein Changieren zwischen den Welten«

EIN GESPRÄCH VON PAOLO BIANCHI

»Ob beim Zeichnen oder beim Gitarrenspiel, es entsteht einfach irgend etwas. Das klingt total banal, aber das Kriterium der Musikalität als Empfindungsweise ist für mich sehr wichtig. Ich habe eine Serie Bilder geschaffen, bei denen ich versuche, zwei verschiedenfarbige Blätter zu einem Farbklang zusammenzubringen. Das hat für mich viel mit Musik zu tun. Ich arbeite damit, ob die beiden Farbtöne zusammenklingen oder nicht, ob eine Harmonie oder eine Disharmonie entsteht.«

Luigi Archetti

Wer als Gratwanderer zwischen den beiden Polen Musik und Malerei oszilliert, profitiert, wenn auch auf Kosten einer geradlinigen Karriere, gleich doppelt: Das Publikum weiß nämlich von vornherein, daß der verkrampfte und solitäre Maler, der an seinem Geniekult pinselt, schiefliegt, und weiß statt dessen das Kollektiv zu schätzen, in dem sich nicht alles auflöst, dafür aber dem einzelnem als Glied in der Kette ebenso Respekt gebürt wie der Band als Ganzes. Der Zürcher Maler und Gitarrist Luigi Archetti kann mit diesem seismischen Grabenbruch gut umgehen. Mehr noch: Vor allem als Musiker, für den es “die Band” im gewohnten Sinne nicht mehr gibt, sondern nur noch Einzelmusiker, die sich nicht länger in den alten Familien und Formationen bewegen, beschreitet Archetti neue Wege der kreativen Zusammenarbeit und der Selbstbestimmung im Künstlerdasein. “Archetti pendelt zwischen zwei Welten hin und her, und er ist zwischen Arbeitsbereichen genauso wie zwischen Intensitäten unterwegs. Er ist Wanderer zwischen den Lebensformen und den künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten”, schreibt der Kritiker und Schriftsteller Aurel Schmidt (in: “Basler-Magazin”, Nr. 2/95).

Wer einen Blick auf das Paket an Musikproduktionen von Luigi Archetti wirft, staunt nicht schlecht, in welche Vielfalt von Projekten der Maler-Gitarrist verwickelt ist: Da gibt es die Solo-CD “Das Ohr” (1992), eine vertrackte Reise in den Geräuschkosmos des Ohres, oder die zweite Solo-CD “Adrenalin” (1994) mit Bandbegleitung, die mit einem rhythmisch entfesselten Stück beginnt, das den freudianisch-ironischen Titel “Secrets of the Royal Psychic” trägt. Auf diesen ersten Adrenalinschub durch die Windungen unserer Seele folgen 27 weitere, meist kurze Stücke, welche nicht minder massiv an den Gedärmen der Sinneswahrnehmung kratzen. Wunderschön “Home Made Black Water” mit dem Saxophon des zu früh verstorbenen Jazzerneuerers Urs Blöchlinger: eine souveräne Schlangenbeschwörung von hochgradiger Coolness. Aurel Schmidt würde hier bestimmt von einem “akustischen Trip durch die innere atomare Selbststruktur” sprechen. Gibt es Platten mit dem Gütesiegel “Easy Listening”, so müßte Archettis “Adrenalin”-CD den Kleber “Massive Listening” tragen, denn es ist eine zugleich schwere und gediegene Musik, schlicht und mächtig. Archetti spielt auch im Projekt Frank & Frei mit, einer Band, die versucht, ihre ambivalente Liebe zur lebenden Legende Frank Sinatra zum Ausdruck zu bringen. Für Rupert Volz, Sänger der Deutschpop-Dadaisten-Combo The Blech und standhaft Suchender auf dem Feld des Lieds und der Liebe, greift Archetti im Namen von Sehnsucht, Schmerz und Schmelz in die Saiten, um schließlich König Schlager vom Thron zu hebeln. Und last, but not least die Zwei-Mann-Band Tiere der Nacht zusammen mit dem Guru-Guru-Schlagzeuger Mani Neumeier: “Gitarrensaiten als direkter Draht zum Hirn und Trommelfelle als äußerste erotische Haut”, heißt es im Press Release der Plattenfirma. Archetti dreht nicht ohne Bravour einige musikalische Loopings.

“Archetti hat eine Neigung zu lauter, angriffiger Musik, die für ihn etwas Körperliches bekommen soll, genauso wie in den Zeichnungen eine räumliche Dimension angestrebt wird. Er ist von der Rockmusik geprägt worden, hat aber einen eigenen Weg gesucht, der im Umgang mit synthetischem Sound besteht.” Wenn Archetti beim Musizieren mit anderen Menschen zusammen ist, beim Malen dagegen allein mit sich im Atelier, dann, so schreibt Aurel Schmidt weiter, braucht er beides: “Die Öffnung und den Rückzug; die Verausgabung und die Intensität; die freie Entfaltung und die gewählte Vorsätzlichkeit.” Und auf das Gesamtschaffen von Archetti bezogen: “Nicht alles ist das gleiche, aber alles ergänzt sich.”

*

Paolo Bianchi: Als Musiker und Maler pendelst du zwischen zwei Welten. Auf welcher Karriereleiter kommst du besser voran?

Luigi Archetti: Es gibt keine Lobby von Galeristen, Kuratoren oder Impresarios, die hinter mir herrennen. Im Gegenteil: Ich werde derzeit eher unter- als überfordert.

Ist das frustrierend, wenig beachtet zu werden?

Das Karrieremachen war mir nie wichtig. Von Anfang an war meine Haltung als Künstler getrieben von einer Faszination und Neugierde am künstlerischen Ausdruck, und es ging mir nie darum, wie ich nun meine Produkte an den Mann bzw. an die Frau bringe. Entweder es passiert, oder es passiert eben nicht. Im Moment ist es eher ruhig, es könnte für meinen Geschmack mehr passieren. Ich lasse mich von dieser momentanen Situation weder einschüchtern noch verunsichern. Meine Arbeit gibt mir genügend Nährboden, um meine künstlerische Entwicklung voranzutreiben.

Die Oberfläche als Membrane

Woran arbeitest du gerade?

Im Moment beschäftigt mich die Frage: Was ist Malerei? Wie sich der Essenz der Frage nähern? Malerei bedingt immer einen Bildträger und eine flüssige Sache wie Farbe, die auf den Bildträger kommt. Es geht also um die Organisation von Farbe und Bildträger. Besonders interessiert mich derzeit die Frage: Was geschieht, wenn ich das Bild von der Wand wegnehme? Das Ikon steht plötzlich im Raum und offenbart seine eigenwillige Beschaffenheit. Das Bild wird zu einem Farbkörper, der im Raum steht, und dieser Farbkörper ist zugleich Bildträger. Das Resultat beinhaltet ein skulpturales Moment, ist aber keine Skulptur, sondern bleibt immer noch Malerei. Diese Verschiebung wirkt provozierend, wirft Fragen auf, und Leute beginnen mich zu fragen: “Aha, ist das deine Ansicht von Malerei?”

Werden die Bilder so präsentiert, wie ich sie hier in deinem Atelier sehe, auf kleinen Holzstücken plaziert und so leicht vom Boden abgehoben?

Ja. Der Raum, der zwischen Boden und Bild entsteht, ermöglicht das Erfahren aller Seiten des Bildkörpers. Was die Malerei selbst betrifft, so passiert darin vieles, was mit Schichten zu tun hat. Die Farbschichten werden x-mal übermalt. Durchs Abschleifen werden Dinge, die übermalt wurden, wieder leicht hervorgeholt, so daß es zu einer sinnlichen Hautgebung der Bilder kommt. Die Malerei bedingt ja immer eine Oberfläche, auf welcher das Auge des Betrachters sich reiben kann. Die Oberfläche ist wie eine Membrane, und sie ist darüber hinaus eine Schnittstelle, wo sich Künstler und Betrachter treffen. Auf der Oberfläche entsteht Resonanz. Es geht mir nicht um monochrome Malerei, sondern darum, zu zeigen, daß Bildflächen gestrichene Flächen sind. Ich betreibe eine reine Oberflächenmalerei, es gibt nichts dahinter oder davor, es gibt nur das, was da ist.

Die Abnabelung der Bilder von der Wand wirkt in der Tat überraschend, sie bekommen etwas Lebendiges.

Das Bild von der Wand zu nehmen bedeutet, die ganzheitliche Institution des Bildes zu entdecken, also nicht nur die Front, sondern auch die Rückseite und die verschiedenen Profilseiten anzuschauen. Dieses “Ding-Sein” des Bildes beschäftigt mich sehr. Ich peile die reale Gegenwart der gesamten Bildkonstruktion an.

Die Musikalität der Malerei

Der Ausdruck “Bildkörper” erinnert an den Begriff “Klangkörper”.

Wenn ich zeichne, dann entsteht Musik. Beim Zeichnen summt das Auge mit. Das ist zwar leicht gesagt, aber es ist enorm schwierig zu verbalisieren, was ich damit meine, wenn ich von der Musikalität meiner Zeichnungen spreche. Ob beim Zeichnen oder beim Gitarrenspiel, es entsteht einfach irgend etwas. Das klingt total banal, aber das Kriterium der Musikalität als Empfindungsweise ist für mich sehr wichtig. Ich habe eine Serie Bilder geschaffen, bei denen ich versuche, zwei verschiedenfarbige Blätter zu einem Farbklang zusammenzubringen, wie wenn verschiedene Töne zu einem Akkord zusammenfinden. Das hat für mich viel mit Musik zu tun. Ich arbeite damit, ob die beiden Farbtöne zusammenklingen oder nicht, ob eine Harmonie oder eine Disharmonie entsteht.

Du überträgst die Wahrnehmung des Ohres auf diejenige des Auges. Kann man das?

Das Auge transportiert zwar anders zum Hirn als das Ohr. Aber indem ich Kriterien wie Musikalität oder Resonanz auf die Malerei übertrage, realisiere ich, wie gleichwertig Musik und Malerei sich zueinander verhalten. Denn die Wahrnehmung reflektiert sich im Prozeß des Konvergierens von Musik und Malerei.

Heißt das, daß deine Zeichnungen gewissermaßen auch als visuelle Partituren betrachtet werden können?

Es gibt eine Werkgruppe von Zeichnungen, die ich 1994 in Berlin gemacht habe, bei denen ich so am Tisch gesessen bin, und es ist dann einfach so passiert, es hat sozusagen von allein gezeichnet, könnte man sagen. Entstanden sind Zeichnungen als Varianten von Wiederholungen oder von Vorhergegangenem. Gerade bei diesen Zeichnungen habe ich oft an die grafischen Partituren von György Ligeti, John Cage oder zum Teil von Luigi Nono gedacht. Ich habe mich dann gefragt: Was ist eine Partitur? Eine Partitur bezeichnet die Organisation von klanglichen und zeitlichen Faktoren. Im Bewußtsein bestehender Partituren habe ich frei interpretierend gezeichnet. Alles beginnt mit einem Kritzel, der sich zum Gebilde entwickelt.Wenn ich jetzt diese Zeichnungen in Musik übersetzen würde, so könnte ich die Linienstrukturen sehr wohl als Klangpartikel interpretieren und dazu mit der Gitarre oder mit der Stimme improvisieren. Die Zeichnungen sind gewissermaßen Partituren zu imaginärer Musik. Ob man diesen Partiturcharakter beim Betrachten der Zeichnungen erkennt oder nicht, sei dahingestellt, aber beim Herstellen ist das musikalische Bewußtsein sehr stark präsent.

Ein rhythmisches Feeling?

Ja, das Rhythmische oder etwa auf diesem Blatt hier vor uns dieses “Gssschwumm” – ich muß gleich mitsingen.

»Die Band als Kleinfamilie ist passé«

Als ich das Paket mit deinen Musikproduktionen erhalten habe, staunte ich nicht schlecht, in welche Vielfalt von Projekten du verwickelt bist: Du vollziehst einige musikalische Loopings.

Ja, aber handkehrum muß man in der Musik ganz stark im eigenen Sound verwurzelt sein. Von hier aus kann ich Dinge entwickeln und mit anderen Leuten Kontakt aufnehmen. Es bringt nichts, sich in einem Proberaum zu vergraben, um dann als “Züri-Bänd” auf lokaler Ebene um Auftritte betteln zu gehen. Die Welt ist groß. In den letzten fünf Jahren habe ich realisiert, daß es von Vorteil ist, beweglich zu sein und nicht festgelegt auf eine Band oder auf das Pünktchen des Übungsraumes. Bewegung auch ganz konkret, daß man etwa nach Karlsruhe reist, um dort zu üben. Die Band als Kleinfamilie ist passé, ich ziehe es vor, mich zwischen verschiedenen Familien und Beziehungsknoten zu bewegen. Das ist für mich qualitätvoller und offener.

Ein Blick auf deine Mitspieler zeigt, daß es doch ein Nucleus von Musikern ist, der sich in den verschiedensten Projekten unterschiedlichst formuliert. Mir scheint, da musiziere eine Großfamilie miteinander.

Das stimmt, ich arbeite in den letzten Jahren immer wieder mit ähnlichen Musikern zusammen. Diese machen wiederum ganz andere Dinge mit anderen Leuten oder wieder mit mir, aber dann in einem neuen Kontext. Es handelt sich weniger um konventionelle Kleinbands, denn der Umgang ist freier und läßt sich nicht auf den erzwungenen räumlichen Begegnungsort des Übungsraums reduzieren. Man bewegt sich in Projekten oder tauscht Ideen aus. Als Kleinband kann man in der Schweiz nicht existieren – einmal was das Materielle betrifft, und andererseits gibt die inhaltliche und geistige Nahrung zuwenig her. Projektbezogenes Arbeiten ist viel bewegter und wacher, auch ist die Bereitschaft größer, mit den gleichen Leuten in neue Gebiete vorzustoßen.

Solche wechselnde Soundprojekte sind natürlich auch unverbindlicher. Der Zwang der Wiederholung fällt weg. Es gibt keinen Stundenplan, wann und wo man sich regelmäßig treffen muß.

Wenn sich Unverbindlichkeit als Lockerheit im Zusammenkommen äußert, dann ist das in Ordnung. Wenn es aber in der Musik unverbindlich wird, dann habe ich Mühe damit. In losen Konstellationen werden die Dinge schneller auf den Punkt gebracht. Jeder, der mitmacht, bringt die Erfahrung aus seiner eigenen Family mit, die er gezielt einsetzen kann, ohne sich dabei den eingefahrenen gruppendynamischen Prozessen aussetzen zu müssen.

Lautmalerische Improvisation

Du nimmst deine improvisierte Musik entweder im Studio auf oder spielst sie an Livekonzerten. Die Malerei kennt nur die Ateliersituation, nicht aber die Livepräsenz, mal abgesehen von der Performance-Kunst.

Eine Ausstellung ist doch “live”! Bei Konzerten gibt es immer Leute, die spielen, und solche, die zuhören. Für mich ist es wichtig, daß die Leute anwesend sind beim unmittelbaren Akt des Kreierens. Das totale Gegenteil in der Malerei: Ich könnte nie hier im Atelier herumhantieren, wenn Leute zuschauen.

Konzerte sind im Gegensatz zu Ausstellungen kollektive Erlebnisse.

Konzerte sind wie Rituale. Auf der Bühne passiert etwas, wir gehen mit oder eben nicht. Zwischen Musikern und Publikum entwickelt sich etwas Interaktives. Konzerte sind sehr körperhaft, deshalb liebe ich laute Musik. Die Töne bewegen den Raum und die Menschen. Wenn ich Bilder anschauen gehe, dann alleine. Im Konzert brauche ich Menschen um mich herum, im Museum lieber nicht. Ich schätze dort die Ruhe, die Möglichkeit zu Konzentration und Kontemplation.

Deine Malerei ist im Gegensatz zu deiner Musik das pure Gegenteil von laut.

Was wäre eine adäquate Umsetzung von lauter Musik: Laute Bilder? Was wäre das: eine wahnsinnig kontrastierende Farbigkeit? Ich weiß es nicht. Für mich sind Malerei und Musik zwei verschiedene Medien mit verschiedenen Mechanismen. In beiden Medien gibt es eine kontinuierliche Entwicklung. Die Kontinuität diktiert, wo`s langgeht oder daß ein Strang abgebrochen werden muß und daß ein Neuanfang angesagt ist. Ich habe nie Musik entwickelt, die gleichzeitig etwas mit der Malerei zu tun hat. Wenn ich laute Musik mache, dann heißt das noch lange nicht, daß auch die Malerei wild sein muß. Es läuft nie parallel ab, wenn auch die beiden Medien sehr viel miteinander zu tun haben, ohne daß sich jetzt die Dinge 1:1 präsentieren müssen.Zum Beispiel der Moment der Improvisation: In der Malerei wie in der Musik ist er für mich gleichbedeutend. Doch der Umgang mit der Improvisation ist anders: In der Malerei hat improvisieren viel mit Prozessen zu tun, mit Farbschichten, mit ihrem Ab- und wieder Auftragen, mit wahrnehmen und reflektieren – Improvisation basiert hier auf dem Tun. In der musikalischen Improvisation zählt der Moment: Wenn die Töne draußen sind, sind sie draußen und weg. Vielleicht gibt es eine Aufnahme, aber die dient nur dazu, es beim nächsten Mal wieder ganz anders zu machen. Wichtig ist die Eingravierung in die Köpfe und Herzen der Zuhörer.

Synergien und Synthesen

Inwiefern interessieren dich die Synergien zwischen Musik und Malerei?

Das interessiert mich sehr. Das ist auch schon etwas Altes, bereits Philipp Otto Runge (1777-1810) erzählt von Farben und Klängen, die er in seiner “Farbkugel” zusammenbringen will. Da gibt es Kandinsky (“Der gelbe Klang”) oder Klee. Groß ist natürlich John Cage, der gleichzeitig auch visuell tätig war und in seiner Musik Stille zuließ oder in den Partituren mit dem Zufall arbeitete oder Klanggeräusche als selbständiges Mittel einsetzte. Da gibt es auch Mike Kelley, der Schlagzeug spielt. Oder Bruce Nauman und seine Zürcher Ausstellung.Gerade die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts sind erstaunlich geprägt von Leuten, die sich sowohl in der Kunst als auch in der Musik bewegen. Oder die Videokunst, das ist ja Bild und Ton. Es gibt tolle Synergien, etwa Bill Viola, der in seinen Videos akustische Phänomene mit optischem Material mischt. Ich denke an Laurie Anderson als das Musterbeispiel einer Musikerin und zugleich visuellen Gestalterin. Oder überhaupt die modernen E-Musiker, bei denen Partituren wie Bilder aussehen, die sich plötzlich loslösen von der Absicht der Musik und in einen visuellen Bereich übertreten.Das alles ist hochspannend. Es gibt eine Menge Künstler, welche Musik und Visuelles auf spannende Art zusammenbringen. Die Arbeiten dieser Künstler beschäftigen mich, zwingen mich, die eigene Arbeit zu hinterfragen, es gibt viele Rückkoppelungen.

Synthesen wie bei Bruce Nauman strebst du aber nicht an. Musik und Malerei laufen bei dir zwar parallel und beeinflussen sich auch, gehen aber doch getrennte Wege.

Die Frage ist: Will ich das überhaupt? Und wenn ja, ist es der richtige Weg? Ich weiß nicht, ob es zwingend ist, daß Musik und Malerei zusammenkommen müssen. Ich spiele mit dem Gedanken, bei einer meiner nächsten Ausstellungen den Raum, in dem ich meine Bilder zeige, ebenfalls zu beschallen, etwas Ambient-mäßiges zu schaffen. Das Interesse und die Neugierde sind da, wobei ich glaube, daß die Nähe zwischen den beiden Polen und Medien Musik und Malerei in meinem Werk derzeit größer ist als je zuvor – wenn auch nicht im Produkt selbst im Sinne eines Zusammen-Präsentierens. Ich will die Dinge auch nicht unbedingt überfrachten, so daß jetzt das Gemalte mit dem Gespielten zu tun haben soll und umgekehrt. Ich glaube an den Eigenwert der Musik und der Malerei: Töne sind für sich lebensfähig, wie auch Farben, Strukturen oder Linien.

Wenn bei dir Malerei und Musik auf zwei getrennten Schienen fahren, welcher Zug ist dann weiter?

Beide sind gleich weit. Wenn es um Intensitäten geht, dann gibt es natürlich Verschiebungen, so daß das eine über das andere dominiert. Man kann aber nicht fahrplanmäßig bestimmen: Diese Woche beschäftige ich mich ausschließlich mit Musik, dann widme ich mich nur noch der Malerei. Es ist immer ein Changieren zwischen den Welten – und bekanntlich machen viele Welten das Universum aus.

Zürich, im Dezember 1995