Titel: Art & Pop & Crossover · von Paolo Bianchi · S. 56
Titel: Art & Pop & Crossover , 1996

Paolo Bianchi

Subversion der Selbstbestimmung

Assoziationen im Spiegel von Kunst, Subkultur, Pop und Realwelt

Der alternative Weltgeist desodoriert wieder. Getrieben von einem stillen Zorn, tritt die einstige Dissidenz in eine Phase der Selbstbestimmung, die die Zeichen ihrer eigenen Subversion bereits in sich trägt. Überlebensstrategien werden nicht mehr als Gegenbild zu einer Macht (Eltern, Schule, Establishment, Technik) definiert, sondern basieren auf selbstgemachten, oft leidensvollen Welterfahrungen (Geburt, Pubertät, Erwachsen- bzw. Selbstwerden, Tod). Statt daß wir Erfahrungen machen, machen die Erfahrungen uns.

Das eigene Leben wird nicht länger nachgemacht, quasi als kreative Selbstinszenierung oder als Inszenierung von Realität, sondern als Spiegelung der realen Lebenswelt gelebt.

Die Unschärfe des Hinundhergerissenseins zwischen Rollenspiel und Authentizität wird spürbar. Identitäten sind imprägniert mit einer gewissen Flüchtigkeit und daher diffus und transitorisch. Die Flucht in eine andere Realität wird jedoch aufgegeben zugunsten einer Auseinandersetzung mit der Realität dieser Welt. Kunst und Popmusik haben keine Angst vor der Realworld. „Die Unerschrockenheit, sich der Welt zu übergeben, ist Teil einer gebrochenen Hingabe an diese Welt“, so Ulf Poschardt in diesem Heft.

Die tragischen Verwicklungen um einen Künstlermythos, der die Revolte und das Neinsagen praktiziert, wendet sich ins Positive. Eine neue Selbstbestimmung findet statt, mit Folgen auch in der Realwelt. So gesehen ist jedes Werk der Gegenwartskunst die versponnene und wundervolle Spiegelung einer Epoche, ja eigentlich des Lebens, wenn nicht der ganzen Welt.

Kunst widerspiegelt jedoch nicht nur, sie verarbeitet auch. Der Teufel sitzt im Spiegel, denn Oppositionen wie jene von Kunst und Leben lassen kein gemütliches Nebeneinander zu. Wie heisst es doch so schön bei der rumäniendeutschen…

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