Ausstellungen: Marquardt bei Potsdam · von Peter Funken · S. 314
Ausstellungen: Marquardt bei Potsdam , 2011

Peter Funken

MACHT

»Rohkunstbau XVIII«

Schloss Marquardt, Potsdam, 26.6. – 11.9.2011

Rohkunstbau“, diese vom Land Brandenburg geförderte Gruppenausstellung, findet bereits zum 18ten mal statt, und wie meist in den letzten Jahren in einem alten Gemäuer – diesmal in dem am Schlänitzsee gelegenen Schloss Marquardt, von Potsdam nur wenige Kilometer entfernt. In dem unrenovierten Schloss zeigen zehn Künstler aus vier Nationen Arbeiten zum Thema Macht. Genauer gesagt, soll es um eine freie Interpretation des Machtbegriffs in Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ gehen. Ganze vier Jahre lang will sich das Rohkunstbau-Projekt diesem Helden- und Opernstoff widmen, 2011 beginnend mit „Rheingold“, dem Epos von verschmähter Liebe und Machtstreben. Bei der Besichtigung der Ausstellung kommt man kaum auf eine solch konkrete Bezugnahme auf Wagners Kolossalwerk. Dies schadet der Ausstellung nicht, doch es stellt sich – um mit Wagner zu argumentieren – die Frage, ob solche Verbindung von „Ring“ und „Rohkunstbau“ nicht nur ein Effekt sei – „eine Wirkung ohne Ursache“.

Egal, man betritt die Bühne des Schlosses und steht in einem dunklen, holzgetäfelten Vestibül, von dem eine Treppe zu einer Galerie nach oben führt. In dem Eingangsbereich begegnet man Mariana Vassilevas Installation „Accelerator“. Dieser „Beschleuniger“ besteht aus einem silbrig glänzenden, 1100 PS starken Buggati-Motor und einem plastischen Element aus Neonlicht und Stacheldraht, das darüber schwebt. Dazu wird das tiefe Dröhnen der Maschine eingespielt. Die Arbeit bringt die Sache auf den Punkt, denn mit dem hochgezüchteten Motor, der statisch kreisenden Skulptur aus Kunstlicht und dem an eine Dornenkrone erinnernden Stacheldraht erscheint aus dem Dunklen, in kaltem Neon präsentiert, ein Bild von technischer Allmacht, Potenz oder Hybris, und darüber hinaus ein modernes Zeichen menschlicher Ohnmacht. Die Arbeit der seit langem in Berlin lebenden Künstlerin trifft das Machtthema so direkt, wie keine andere der Ausstellung.

In der oberen Etage überzeugt Oswaldo Maciá mit seiner Installation Under the horizon“, die in einem Badezimmer zu sehen ist. Auf einem hohen Sockel steht eine alte Badewanne, in die beständig schwarzgefärbtes Wasser fließt, so dass es über den Rand, auf den Sockel und den Boden strömt. Dazu ertönt lautes Plätschern und ein süßlicher Duft liegt in der Luft, so dass eine seltsam unbestimmte, morbide Atmosphäre entsteht, die nicht Entspannung oder Reinwaschung verheißt, sondern genau ins Gegenteil zielt und an Besudeln, Ersaufen und Katastrophales denken lässt, und ebenfalls an die real fantastischen Sprachbilder García Márquez´, Kolumbianer wie Oswaldo Maciá. „Under the horizon“ verweist in der drastischen Realität des Ereignisses auf die beständige Tragödie in Latein-Amerika oder anderswo, und somit auf Katastrophen, die immer einen konkreten Ort haben.

„Going Nowhere 2“ ist eine aufwendiges Video des britischen Künstler Simon Faithful, das ihn beim mühseligen Vorwärtsgehen auf dem Meeresgrund abbildet. Bekleidet mit weißem Hemd und dunkler Hose wirkt diese Handlung im wunderschön grünen Wasser anstrengend und absurd und doch entspricht die Aktion ganz dem Konzept und der ästhetischen Konsequenz des Künstlers, denn bewusst lotet Faithful Grenzen aus, versucht Naturgesetze zu überwinden oder in seine Arbeiten einzubauen. Dabei setzt er sich extremen Bedingungen aus, etwa als er für seine Video „0 00 Navigation“ nur mit einem Kompass ausgerüstet, ohne Umwege quer durch England ging, dabei Flüsse durchschwamm, Berge passierte, durch Häuser und über Zäune ging, um stets auf dem „Nullmeridian“ zu bleiben.

In den Freiraum der Wendeltreppe des Schlossturms hat Mariele Neudecker eine originalgetreu große, elf Meter lange Graphitabreibung einer Herkules-Rakete installiert, die in dem alten Treppenhaus und wegen der archaisch anmutenden Technik wie ein Relikt längst vergangener Zeiten erscheint. „Schöne wäre es …“, denkt man pazifistisch, „doch dem ist nicht so …“ und so bleibt dieser zeichnerisch aufwendige Beitrag irgendwie harmloses Beiwerk am Ende des Ausstellungsrundgangs. Auch weitere Bilder der Künstlerin zum Thema Herkules Rakete inszenieren diese immer nur im Feld des Fantastischen. Dagegen überzeugt Neudeckers Installation „24 hours / 48 hours“ aufgrund ihrer beeindruckenden Feinstruktur und dem Spiel von Verdopplung und Verspiegelung: in zwei identisch großen, mit Wasser gefüllten Glaskugeln, die eine beschichtete Plexiglasscheibe räumlich von einander trennt, erkennt man zwei sehr ähnliche Landschaftsmodelle, wie auf dem Kopf stehend. Die miniaturkleinen Ideallandschaften bestehen aus grünen Fasern und Flechten, die sich im Wasser vorsichtig bewegen. Durch die Scheibe gesehen, scheint die eine das Spiegelbild der anderen zu sein, doch sind beide real und erzeugen ein in sich verschlossenes Geheimnis.

Die meisten Beiträge im repräsentativen, zur Seeseite gelegenen Gartensaal, sind eher blass, bis auf Ausnahmen – so etwa eine plastische Arbeit von Frank Nitsche in Form eines Pfeilers, die zum historischen Ambiente einen wirkungsvollen Kontrast schafft. Das schlanke, 3,5 m hohe Raumelement hat Nitsche aus Getränkedosen gebaut, die er mit bunten Stickern und Labeln aus aller Welt beklebt hat: „GR-LATTE-2011“, so der Titel der Arbeit, ist ein Gegenstand der Pop-Art und von unmittelbarer Wirkung im Umfeld der eher ernsten Architektur.

In roten, blauen und schwarzen Zeichen benennt Karin Sanders Beitrag „2XML-SVG CODE“ den programmierten Quellcode des Ausstellungsraumes, macht also aus einem sinnlich erlebbaren Raum einen Algorithmus, bestehend aus Ziffern, Zahlen und mathematischen Anweisungen auf schneeweißer Wand. Natürlich bleiben solche Zahlenkolonnen unanschaulich, besitzen sie doch ihre eigentliche Funktion im „Niemandsland“ hinter der benutzerfreundlichen Rechneroberfläche. Sie gehören zum Reich der Programmierer, denen wir uns ausliefern und die unsere Räume bestimmen und kontrollieren. Sanders Zeichen an der Wand besitzen zwar Funktionsästhetik, doch vor allem benennen sie eine Machtstruktur, deren Inhalt und Bedeutung den meisten unverständlich bleibt, weil es sich um Expertenwissen handelt. Dennoch wirkt diese Arbeit nicht aufklärend, sondern nur verblüffend, das heißt, sie arbeitet mit und an einem Effekt des Postmodernen – es gibt nicht viel zu sehen, aber viel zu reden … Damit wäre man eigentlich beim Ende der Kunst angelangt, nicht aber des Kunstmarkts.

Rohkunstbau 2011 ist eine Ausstellung zahlreicher Gegensätze – vor allem wegen der unterschiedlichen Behauptungen zum Thema Macht. Letzteres ist natürlich gut, denn es fördert die Debatte um Machtfragen, ihre neuen Formen und Konstellationen. Dafür bedarf es übrigens keiner thematischen, auch noch so freien Anlehnung an Wagners „Rheingold“ oder „Ring“. Solche verhindert eher, als dass es diese Debatte fördert, denn mit der musikalisch-romantischen Düsternis Wagners, seiner inhumanen Schicksalswelt von Göttern und Nornen, ohne Ausweg und Freiheit landet man nirgendwo, oder nur weit abgeschlagen in einer weiteren Neo-Romantik, auf keinen Fall aber bei einer neuen künstlerischen Haltung für die Gegenwart und ihre Herausforderungen. Die Künstler scheinen das ähnlich zu sehen, denn „Rheingold“ kam in der Ausstellung eigentlich nicht vor.

Weitere teilnehmenden Künstler sind: Marc Brandenburg (D), Christoph Brech (D), Judy Millar (NZ), Katinka Pilscheur (D). Direktor des Projekts: Dr. Arvid Boellert, Kurator: Mark Gisbourne; zur Ausstellung erschien ein 6-seitiger Folder, www.rohkunstbau.de