Titel: Kunst und Ökologie · von Werner Kitlitschka · S. 59
Titel: Kunst und Ökologie , 1988

Werner Kitlitschka

Natur und Kunst -gestern – heute – morgen

Die Begriffe Natur und Kunst zählen – so wandelbar im Laufe der Geschichte sie auch gewesen sein mögen – zu den wesentlichsten Kategorien menschlichen Denkens und menschlicher Existenz überhaupt. Der Wandel im Verhältnis des Menschen gegenüber der Natur beeinflußte und bestimmte erheblich die unterschiedlichen Erscheinungsweisen der als Kunst bezeichneten menschlichen Hervorbringungen.

Gottfried Benns Charakterisierung des Mensch-Natur-Verhältnisses aus dem Jahre 1944 scheint ihre Aktualität bis heute nicht eingebüßt zu haben und fordert dazu auf, den Blick sowohl auf die Vergangenheit als auch in die Zukunft zu lenken. Benn vertritt die These, es sei vom „heutigen Phänotyp … das Moralische weitgehend … abgeglitten und durch Legislative, Hygiene ersetzt, als echtes Gefühl, wie es offenbar bei Kant noch vorlag, ist es nicht mehr zu finden. Auch die Natur hat für ihn nicht mehr die Lyrik und Spannung, mit denen sie den Zeugnissen nach die Persönlichkeiten des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts erfüllte, sie ist sportlich-therapeutisch aufgelöst -: Abhärtung, Skigelände, Hochgebirgsstrahlung -, wo sie gelegentlich schauerartig in das wehrlose Ich eindringt, wirkt sie ausgesprochen kurzfristig, erscheinungslos und tragisch.“

Für den mit Umweltproblemen sonder Zahl, ja mit Giftstoffverseuchungen und Atomunfällen katastrophalen Ausmaßes konfrontierten Menschen des ausgehenden 20. Jahrhunderts hat sich der Wahrheitsgehalt dieser provokanten Feststellungen in einer vermutlich auch für Benn völlig überraschenden Weise erwiesen. Die Natur ist allerdings einfach ihrer Lyrik und Spannung als ihrer Wesenselemente beraubt und zu sportlich-therapeutischer Verfügbarkeit degradiert worden. Entschleiert, ihrer Geheimnisse entledigt, hat sie sich nicht zum Objekt unablässig zunehmender Ausbeutung versklaven lassen, sondern…

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