Titel: Kunst und Ökologie , 1988

Konrad Paul Liessmann

Natura Mortua

Über das Verhältnis von Ästhetik und Ökologie

Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht
Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht,
Das den großen Gedanken
Deiner Schöpfung noch einmal denkt.
Klopstock

„Der Naturgenuß und die ästhetische Zuwendung zur Natur setzen so die Freiheit und die gesellschaftliche Herrschaft über die Natur voraus. Wo die Natur zu der Gewalt wird, die ihre Ketten zerbricht und den Menschen, den schutzlos Gewordenen, fortreißt, da waltet im Furchtbaren der Schrecken, der blind ist. Freiheit ist Dasein über der gebändigten Natur.“1 Diese These, von Joachim Ritter vor mehr als 20 Jahren in Anschluß an Humboldt und Schiller in einer denkwürdigen Studie über „Landschaft“ als Summe idealistischen Denkens über Natur gezogen, steht heute in Frage. Daß Naturschönes dem empfindsamen Menschen nur erscheinen kann, wenn zuvor sein Verhältnis zur Natur als Herrschaftsverhältnis geregelt ist, ja, daß Natur ihr wahres Sein erst unter solchen Bedingungen dem sinnenden Auge zur Erscheinung bringen kann, ist mehr als fragwürdig geworden im Zeitalter fortschreitender Naturzerstörung durch den Menschen. Immer mehr werden die häßlichen Spuren der Herrschaft über die Natur als beklagenswert empfungen, immer weniger die Bändigung der Natur als jene Vorbedingung von Freiheit akzeptiert, die sowohl die Autonomie des Menschen als auch die Anschauung der Natur als ästhetisches Phänomen ermöglichen sollte. Allerorten wird gegen einen Anthropozentrismus gerüstet, der Natur nur menschenbezogen, unter den Gesichtspunkten ihrer materiellen und ideellen Verwertbarkeit, bearbeiten und betrachten hatte können. Je mehr Natur so im Prozeß der technologischen Umgestaltung der Erde tatsächlich verschwindet, desto…

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