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Titel: Vilém Flusser · von Abraham Moles · S. 92 - 93
Titel: Vilém Flusser , 1992

Abraham Moles
Über Flusser

Der plötzliche Tod des zeitgenössischen Philosophen Vilém Flusser durch einen Autounfall – ein idealer Tod für einen Philosophen – führt den Kulturwissenschaftler und Psychologen zu einer Reflexion, die besonders das deutsche Denken angeht: Er reflektiert nämlich das Schicksal. Flusser erreichte in Deutschland nach und nach die Position, die ihm gebührte, nachdem er fast ein halbes Jahrhundert von diesem Land getrennt war. Deutschland nämlich kann nicht vergessen, daß ein Großteil seiner Elite ins Exil flüchten mußte. Diese Situation, die von Koestler und Sartre beschrieben wurde, ist bislang noch keiner spezifischen Analyse unterzogen worden.

Vilém Flusser, ein Jude, der in Prag geboren wurde, einen brasilianischen Reisepaß besaß und als Philosoph in bescheidenen Verhältnissen mit zwei Kindern und während einer Tätigkeit in Handel und Industrie heranreifte, ist ein typischer Fall, wenn man diese Situation der ihm zeitgenössischen Generation verstehen will, der einige außergewöhnliche Menschen angehörten: von Neumann, Einstein, Bethe, Teller, Bohr, Lewin, Brecht, von Braun. Ihr Werk, das man „Hitlers Geschenk an Amerika“ nannte, hatte einen großen Einfluß. Aber das war im großen und ganzen eine Generation, die in ihren Ländern bekannt oder schon berühmt war und die dank dieser Berühmtheit keine ernsthaften Probleme mit ihren Asylrechten hatte.

Als Flusser den Zug von Prag nach Rotterdam an jenem Tag bestieg, als die Nationalsozialisten in das Universitätsbüro seines Vaters eindrangen, war er 20 Jahre alt. Er hatte in der eleganten und gebildeten Atmosphäre der jüdischen Intelligenz mit tschechisch-deutscher Sprache gelebt. Er hatte ein wenig Hebräisch gelernt und konnte Geschichten in Jiddisch erzählen. Es…


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