Ausstellungen: Paris · von Amine Haase · S. 375
Ausstellungen: Paris , 2003

AMINE HAASE

Was passiert?

Paul Virilio: „Ce qui arrive“

Fondation Cartier pour l’art contemporain, Paris, 29.11.2002 – 30.3.2003

Haltet die Erde an, ich steige hinab“ – dem Satz des Ethno-Philosophen Jean Laude scheint der Urbanist und „Dromologe“ Paul Virilio wortwörtlich folgen zu wollen. Der Spezialist für Geschwindigkeit und ihre Wirkung auf Gebiete wie Politik und Ästhetik hat schon vor Jahren die Gefahren eines „rasenden Stillstands“ analysiert und vor einer „inertie polaire“, einer Erstarrung durch Kälte, gewarnt. Virilio stellte die Diagnose, die zunehmende Schnelligkeit der Übertragung einer Wirklichkeit in eine andere – zum Beispiel von Kriegsgeschehen in TV-Bilder – werde Abstumpfung und Gefühllosigkeit zur Folge haben, ja habe bereits zu Formen der Entmenschlichung geführt. Parallel zu diesem Sezieren des Gesellschafts-Körpers entwarf er ein Mittel zur Heilung – das sich Bewusstmachen dieser Gefahren durch Erinnern. Im Zentrum einer solchen Therapie für jedermann soll ein „Musée de l’accident“ stehen, ein Museum, das Unfälle, katastrophale Zufälle jeder Art dokumentiert. Nur durch den Rückblick auf zurückliegende Unfälle könne den Zukunftsplanern klar werden, dass sie mit jedem technischen Fortschritt – der ja in den meisten Fällen Beschleunigung bedeutet – auch dem Unfall, der Katastrophe alle Möglichkeiten eröffnen. Wie Virilio, ziemlich drastisch, darlegt: wer einen Airbus mit 800 Plätzen entwirft, geht das Risiko von 800 Toten ein. Technikfeindliche Thesen? Mag sein. Aber wer will Virilio widersprechen, wenn er sagt: „Der Fortschritt billigt das Opfer.“ Und damit die Gesellschaft sich darüber klar werden könne, wie groß das Opfer sein darf, brauche man ein Museum, „einen Beobachtungsposten für Unfälle“.

Jetzt konnte Paul Virilio einen…

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