Band 245, 2017, Gespräche mit Künstlern, S. 194

Marilyn Minter

Widersprüchlichen Urteile, die in unseren Köpfen rattern

Ein Gespräch über die Kraft der Malerei im Zeitalter des Postdigitalen und die Notwendigkeit öffentlicher Proteste nach der Wahl von Donald Trump

von Magdalena Kröner

Die New Yorker Künstlerin Marilyn Minter untersucht in ihrer Arbeit die Grenzbereiche zwischen Schönheit und Ekel, zwischen Anziehung und Abscheu, Verführung und Abstoßung. Ihre Motive beziehen sich zum Großteil auf den weiblichen Körper, der aus nächster Nähe und in Überlebensgröße inszeniert wird. In ihrer Malerei, in Fotos und Videoarbeiten widmet sich Minter mit Bezügen zur Pornographie und zur Modeindustrie Bereichen, die von der Hochkultur nach wie vor stigmatisiert werden.  

Magdalena Kröner: Mich hat von Anfang an die starke Spannung aus Dreck und Glanz, aus Anziehung und Abstoßung, die jedes deiner Bilder durchsetzt, interessiert. Früher hast du Lachen auf Linoleumböden gemalt, heute inszenierst du weibliche Körper, die neben ihrer ästhetischen Anziehungskraft oft hart an der Grenze zum Ekel sind. Und auch, was die Wahrnehmung deines Werkes und deiner Person betrifft, gibt es Ambivalenzen: für manche sind deine Themen aus der Pornographie und deine Nähe zur Mode problematisch, zugleich ist dein Engagement als Politaktivistin und als Teil des feministischen Diskurses in den USA unumstritten … Ich würde gern mehr erfahren über diese widersprüchlichen Facetten und deine Lust an der Ambivalenz.  

Marilyn Minter: Ich glaube, meine Aufgabe als Künstlerin ist es nicht, Antworten auf alles zu geben, auch wenn alle immer nach eindeutigen Antworten suchen. Ich möchte Kunst machen, die die Leute herausfordert. Institutionskritik interessiert mich nicht. Mir gefällt es, Dinge in ihrer Ambivalenz stehen zu lassen. Ich glaube, und habe es mein ganzes Leben geglaubt, dass man zwei völlig gegensätzliche Ideen in eine Arbeit integrieren kann und beide haben ihre Berechtigung. Glamour, Mode und Pornographie sind und bleiben paradoxe Bereiche unserer Gesellschaft: zum einen gelten sie als verachtungswürdig, oberflächlich und flüchtig, doch sie sind zugleich machtvolle Agenten unserer Kultur. Und nicht zuletzt ist all das eine Multimillionen-Dollar-Industrie: ohne Pornographie gäbe es überhaupt kein Internet! Sie sorgen dafür, dass junge Leute Eßstörungen und Dysmorphophobie entwickeln und es sind gleichzeitig die Bereiche, in denen Frauen überhaupt irgendeine Art von Macht besitzen. Natürlich, Mode und Pornographie können dafür sorgen, dass wir beginnen, an uns selbst herumzunörgeln, und gleichzeitig bereitet es einer Menge Leute unglaubliches Vergnügen, sich glamouröse Bilder anzuschauen. Das sind die Dinge, die in meiner Arbeit angesprochen werden: die ambivalenten Gefühle irgendwo zwischen Lust und Scham, die es auslöst, solche Bilder anzuschauen; die widersprüchlichen Urteile, die dazu in unseren Köpfen rattern. Mein Job als Künstlerin ist es, ein Bild der Zeiten zu schaffen, in denen wir leben. Die Zeiten sind kompliziert, und auch wenn sich gerade alle, nicht nur in meinem Land, nach Vereinfachung zu sehnen scheinen: ich glaube nicht an Vereinfachung. Nichts ist jemals Schwarz und Weiß, alles ist Grau.  

Diese Ambivalenzen gab es ja bereits in deinen frühen Arbeiten, wenn auch in abstrakterer Art, wie etwa in deinen „Spills“ aus den 70er Jahren, diesen eigentlich ekligen Flecken auf Linoleum, die aber zugleich hochästhetische, minimalistische Kompositionen waren.  

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Autor
Magdalena Kröner

* , Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Marilyn Minter

* 1948, Shreveport, Verein. Staaten

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