Gespräche mit Sammlern · von Uta M. Reindl · S. 417
Gespräche mit Sammlern , 2006

Uta M. Reindl

Als Unternehmerfamilie tendieren wir zum konstruktiven Streit.

Ein Gespräch mit Thomas Grässlin, Sprecher der Familienstiftung

Die Medien zitieren es immer wieder gerne: Die „Grässlins“ gehören heute sicherlich zu den einflussreichsten Familien der zeitgenössischen Kunstwelt. Doch jenseits des Medienklischees haben sie in ihrer Heimatstadt Sankt Georgen ein ungewöhnliches Sammlungspräsentationskonzept entwickelt und umgesetzt: 150 Arbeiten, darunter 20 Großinstallationen aus der Sammlung Grässlin, werden nun ab Juni in dem kleinen Schwarzwaldstädtchen in den Räumen zur Kunst – in ehemaligen Geschäften und Fabriketagensowie dem extra für sie errichteten Kunstraum Grässlin präsentiert. Die Geschwister Bärbel, Karola, Sabine und Thomas Grässlin, die kontinuierlich die moderne Sammlung ihres Vaters Dieter Grässlin durch aktuelle Kunst erweitert haben, sind die Kuratoren der ungewöhnlichen Sammlerpräsentation.

Thomas Grässlin, die Sammlungsgeschichte Ihrer Familie geht auf Ihren Vater zurück. Was bewegte Dieter Grässlin zur Kunst, was brachte ihn zum Sammeln?

Mein Vater kam aus einfachen Verhältnissen, mein Großvater war Lehrer, die Großmutter Hausfrau. Da kann man also die Spur zur Kunst nicht finden. Dieter Grässlin war grundsätzlich ein neugieriger Mensch. Früh schon, während der Gründungszeit seiner Firma für Zeitschaltuhren, sammelte er: Antiquitäten beispielsweise. Er war ein sehr überlegter, ein reflexiver Mensch, er stellte sich alle möglichen Fragen, und konnte natürlich die die Antworten darauf irgendwann in den Antiquitäten nicht mehr finden. Dies führte zu den ersten Begegnungen mit regionalen Künstlern. In den sechziger Jahren kamen dann die Impulse vom Informel. Diese Kunstrichtung bedeutete damals nach dem Krieg eine Art Befreiungsschlag, und auch mein Vater erlebte diese künstlerische Befreiung nach den verheerenden Katastrophen des Zweiten Weltkrieges als sehr mitreißend. Viele Jahre bis zu seinem frühen Tod 1976 hat er die Highlights des Informel zusammengetragen – bis auf einige Werke, die wir später dazu gekauft haben. Später kam dann noch Arte Povera und Arte Cifra dazu.

Wie und wann kam es zu der Idee der Geschwister Grässlin kollektiv zu sammeln?

Wir waren letztendlich von der Begeisterung unseres Vaters erfasst, sind aber zunächst ganz normale Wege gegangen: Bärbel studierte Sprachen, ich Technik, Sabine lernte Köchin und arbeitete dann in der Werbung, Carola wiederum widmete sich der Kunstgeschichte. Ich betreute zunächst die Informel-Sammlung meines Vaters, dann begann ich nach vorne zu sehen und fing an, mich den großen Künstlern dieser Zeit zu widmen: Richard Long, Mario Merz und Jannis Kounellis. Bald landeten wir dann bei unserer eigenen Generation. Es begann mit Albert Oehlen, Martin Kippenberger, ging weiter mit Günther Förg, Reinhard Mucha und später Cosima von Bonin. Ein Besuch bei Panza di Biumo hat uns einen wichtigen Impuls gegeben: Dieses konzentrierte Sammeln hat uns angesteckt. Daraufhin haben wir beschlossen, genauso konzentriert vorzugehen: das heißt, sich auf wenige Künstler beschränken, die wir aber über die Jahre begleiten. Und uns interessierten Künstler, die einen gesellschaftskritischen Anspruch haben – das ist wohl der rote Faden unserer Sammlung.

Aber ist letztlich die Präsentation nicht vor allem eine Hommage an Martin Kippenberger?

Selbstverständlich spielt Kippenberger eine wichtige Rolle in der Sammlung, aber wir haben ihn eingebunden wie andere wichtige Positionen auch. Einige Bereiche haben sicherlich etwas von einer Hommage, wie zum Beispiel der Name des Restaurants neben unserem Kunstraum Grässlin, dem Kippys. Es ist auch kein Zufall, dass wir Kippenberger als ersten in der Haupthalle zeigen. Doch in dieser unserer ersten Ausstellungskonzeption zeigen wir ganz bewusst Albert Oehlen und Mike Kelley neben Martin Kippenberger als wichtige Referenzgrößen. Und wir haben noch andere Highlights: Cosima von Bonin, Clegg & Guttmann im Rathaus, Franz West im Skulpturenraum und auch jüngere Künstler wie Tim Berresheim oder Ina Weber. Das alles sind starke Positionen, die wir einem überbordenden Kippenberger-Mythos entgegenhalten.

In welcher Rolle sehen Sie sich – als Entdecker oder Förderer von junger Kunst?

Ich mag den Begriff Mäzen nicht so sehr. Die Intention der Medici war Macht. Auch die Kirche hat in diesem Sinne Kunst gefördert. Das hat sich im 19. Jahrhundert grundlegend verändert. Insofern ist der Begriff des Mäzenatentums daher für uns nicht passend. Ich ziehe den Begriff des Entdeckers vor. Das Entscheidende für uns ist, dass wir Zeichen setzen wollen. Die Sammlung ist eine Gesamt-Aussage, die wir durch das Zusammentragen von einzelnen künstlerischen Aussagen machen. Ich glaube, dahinter steckt ein ganz anderes Bedürfnis: die Suche nach Antworten. Und damit sind wir wieder bei meinem Vater, bei den Ursprüngen.

Aus welchen Gründen haben Sie Sankt Georgen für die Präsentation Ihrer Sammlung gewählt? Warum nicht Berlin, Frankfurt oder Köln?

Wir haben uns natürlich lange mit der Frage auseinandergesetzt, wo wir unsere Sammlung zeigen. Es gibt seit Jahren gute Kontakte zu verschiedenen Museen, wie etwa dem ZKM, dem K21 oder dem Museum Abteiberg in Mönchengladbach. Viele Sammler gehen nach Berlin. Aber die Idee, allein Berlin aufgrund ihrer Rolle als Bundeshauptstadt zu präferieren, war uns zu wenig inhaltlich. Ein wichtiger Aspekt in unserer Diskussion war, dass wir die Statements der Sammlung an einem von uns gestalteten Ort zeigen wollten: eine Präsentation zu haben, an der man erkennen kann, worum es uns geht. Das können wir am besten in eigenen Räumen.

In Sankt Georgen im Schwarzwald also?

Ja, am Ende erschien uns der Ort, an dem alles begonnen hat, am sinnvollsten, zumal es ja hier viele Bezüge zur Entstehung der Sammlung gibt. Kippenberger hat hier gelebt, viele seiner Arbeiten sind hier entstanden. Christopher Williams verweist auf den Schwarzwald mit seinen Arbeiten. Unsere familiäre Entstehungsgeschichte hat sehr viel mit der Kultur hier zu tun. Gleichzeitig bin ich der einzige von den Geschwistern, der hier noch lebt. Die Tatsache, dass wir uns hier im Elternhaus in Sankt Georgen für unsere kollektiven Entscheidungen bezüglich der Sammlung treffen, ist ein weiteres Argument für diesen Ort.

Wie kam die Entscheidung für den Kölner Architekten Lukas Baumewerd zustande – eher noch ein unbeschriebenes Blatt unter den klassischen Museumsarchitekten?

Wir hätten sicherlich auch einen berühmteren Namen nehmen können, aber das war schon beim Sammeln nicht unsere Konzeption. Stattdessen suchten wir einen jungen Architekten, der eine Verbindung zur Kunst hat. Lukas Baumewerd hat bereits einige Projekte mit Kippenberger und Cosima von Bonin realisiert, sowie diverse Galerieräume gestaltet oder auch eine österreichische Sammlervilla gebaut. Daher war er für uns eindeutig der richtige Mann. Die Idee war ja, eine dreifunktionale Einheit zu schaffen: zunächst der Kunstraum Grässlin als Ausgangspunkt für das Räume-Konzept, dann das Restaurant als einen sehr einen lebendigen Ort. Und der dritte Baukörper ist das Lager, von dem aus wir optimal die Räume bespielen können und wo die Arbeiten konservatorisch sauber gelagert sind, so dass sie langfristig bewahrt werden können. Die drei Baukörper sind verbunden durch den Platz, der als öffentliche Begegnungsstätte dient. Die schlichte Architektur ist in unseren Augen ideal für eine optimale Kunstpräsentation. Wir wollten kein Schauobjekt, sondern einen White Cube mit einer abgemildeteren Strenge und einer reduzierten Materialpräsenz.

Die Architektur in Sankt Georgen zeigt alle Stilvarianten der sechziger, siebziger und achtziger Jahre. Inwieweit setzt sich die dort installierte Kunst damit auseinander?

Die gewählten Räume sind nicht hermetisch abgeschlossen, sie befinden sich in einem lebendigen Umfeld. Damit bleibt die Spannung erhalten, weil sie nicht nur in ehemaligen Industrieräumen, sondern auch in noch funktionierenden oder gerade noch funktionierenden Laden und sogar Lädchen gezeigt wird. Das Umfeld ist repräsentativ für viele Orte der Welt, die einem Strukturwandel unterliegen. Sankt Georgen war, als die Firma Dual noch hier existierte, ein wichtiges Zentrum für diese Branche. Das hat sich nach der Schließung der Firma 1981 drastisch verändert. Natürlich versuchen wir immer wieder, zwischen Kunstwerk und Räumen eine Interaktion herzustellen. Die Arbeit von Herold ist ein anderes schönes Beispiel für eine solche Interaktion: Ihre Materialität korrespondiert bestens mit der Materialität in der ehemaligen Drogerie, wo sogar selbst die Fensterbänke mit Teppichboden ausgeschlagen sind, wo auch die Leuchtreklame von Wehwohl Fußpflege etwas von der heroldschen Ästhetik hat.

Das kuratorische Konzept: Soll das auch in Zukunft immer gemeinsam realisiert werden?

Bis jetzt ist es auf jeden Fall so gedacht. Man muss mal schauen, wie sich die Dinge entwickeln. Vielleicht werden immer auch mal wieder einzelne Familienmitglieder die kuratorische Verantwortung tragen, doch bleibt sie in jedem Fall in den Händen der Sammler. Wir wollen auch nur unsere Sammlung zeigen und sie in periodischen Ausstellungen austauschen – einmal im Jahr. Natürlich erhoffen wir uns ein großes, breites Publikum, wir wünschen uns Besucher aus der ganzen Welt, die hier herkommen. Unser Führungs- und Erklärungsangebot ist speziell darauf ausgerichtet, nicht nur die Kunstexperten zu empfangen.

Die Bürger von Sankt Georgen – wie werden sie involviert?

Das Konzept, mit unserer Kunst an die Öffentlichkeit zu gehen, ist mittlerweile schon zehn Jahre alt. Seitdem haben wir viel Aufklärungsarbeit geleistet. Den Anfang hat übrigens das Möbelhaus Finkbeiner gemacht, mit der Idee, uns eine Schaufensterfront für die Kunst zur Verfügung zu stellen. Später folgte dann der Bürgermeister, der uns seinen Plenarsaal anbot.

Wie gehen Sie mit dem Gerede über die Macht der Familie Grässlin um?

Ich halte diese Artikel und das Gerede über uns als Kunstclan für Geschwätz. Natürlich sind wir eine Familie, in der sich alles vereint: Kunstvermittlung, Kunsthandel und nicht zuletzt das Kunstsammeln. Und natürlich ist es naheliegend, dass da ein geplantes, bewusst aufgebautes Netzwerk entsteht. Unsere Sammlung zeigt eine extreme Haltung, auf die wir wert legen. Sie ist ein starkes Statement, und eine klare Haltung hat immer etwas Dominierendes. Aber spätestens nach einem Besuch in Sankt Georgen müsste der Welt doch klar sein, worum es uns geht: Es geht um gute Kunst und um gute Künstler – und das mit Nachdruck!

Sind Sie sich denn darin immer alle einig?

Als Unternehmerfamilie tendieren wir zum konstruktiven Streit. Unser Zusammenhalt ist kein Automatismus, er muss ständig erarbeitet werden. Da halten wir uns ganz an den Titel von Martin Kippenbergers Gemälde „Arbeiten, bis alles geklärt ist“! Das Bild hängt neben dem Tisch, an dem wir uns immer für unsere Besprechungen zusammenfinden.