Titel: Biennale Venedig , 1990

Pavillon Großbritannien:

Anish Kapoor

EIN GESPRÄCH MIT DORIS VON DRATHEN

Wer sich mit den Arbeiten von Anish Kapoor beschäftigt, wird nach einer Weile die Zeit vergessen. Dann wird er in den nicht meßbaren, nicht auslotbaren Innenräumen seiner Skulpturen die Orientierung von Tiefe und Ausdehnung verlieren. Erst dann, wenn er seine Sinne aus diesen Kategorien befreit hat, kann er sich auf den Weg machen in eine Bild- und Formensprache, die jenseits des Zeichens liegt und jenseits der optischen Wahrnehmung.

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D.v.D.: Als wir uns vor anderthalb Jahren in Pittsburgh bei der Carnegie-Triennale trafen, haben wir uns sehr bald über Meister Eckart und seinen Satz „Will das Auge die Farbe sehen, muß es von Farbe leer sein“ unterhalten. Wir hatten damals nicht genug Zeit, Ihre Auffassung von „Leere“ zu klären, mir war nur klar, daß es in Ihrer Vorstellung nicht so sehr um das Bild eines aufnahmebereiten Gefäßes geht. Wollen wir uns gleich an dieser Stelle weiterunterhalten?

A.K.: Vielleicht versuche ich, meine Vorstellung zunächst einmal innerhalb von kunstgeschichtlichen Positionen zu klären. Im 20. Jahrhundert hat Rothko am stärksten die Idee der Leere formuliert, als eine Abwesenheit, als Desillusion. Die 50er Jahre mit ihrer existentiellen Philosophie haben mich interessiert. Auch da findet sich dieser Gedanke der Abwesenheit, der Nicht-Existenz, des Nicht-Seins. Ich denke, daß die große Tragödie in Rothkos Leben und vielleicht jener ganzen Epoche war, daß die Philosophie des Nichts am Ende alles ausschloß.

Mein persönliches Abenteuer mit der Leere ist anders. Ich sehe Leere nicht als leeren Raum im Sinne von nicht gefüllt, sondern als einen „potentialen“ Raum…

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