Titel: Bilder aus der DDR · S. 237
Titel: Bilder aus der DDR , 1990

Volker Handloik

Der Karneval der Bilder

Wenn der Karneval durch die Gassen drängt, auf den Marktplatz quillt, die Stadt sich im wirren Reigen der Spielleute und Vaganten, Narren und Buffonen, der Barbiere und Scharlatane, Scholaren, Mimen, der entlaufenen Mönche, der Harlekine und Wilden Männer füllt, wenn der Topf zum Hut wird, die Mönchskutte zum obszönen Frauenkleid, wenn Harlekin zum König, zum König der Hölle und der Narren wird, als welcher er im Finale des Treibens wie ein Federwisch brennt, wenn die Masken Einzug halten, die Entenköpfe, die Struwwelköpfe, die Eselsköpfe, die Schnäbel und riesigen Augen, der aufgerissene Mund und der groteske Leib die Bühne betreten – dann hat das Drama von Karneval und Roman, Groteske und Karikatur, Pamphlet und Flugblatt, Moritat und Slapstick begonnen, des zeitlosen Unwillens des Alltags, des befreienden Lachens der umgestülpten Symbole, des zerstückelten Todes, der verhöhnten Macht.

I. Der Einzug der Masken

„(…) Verkleidet sind sie in grosser Manier,
sie haben das Vorderteil hinten und hier
ihre Kleider verkehrtrum angezogen;
die andren haben ihr Roben
aus grossen Säcken und Kutten gemacht.
(…) Einer hat Glocken wie eine Kuh,
an seinem Bollen und an seinem Po.
Darüber hat er viele Schelle
die schwingen und klingen gar so grelle.“
(Roman de Fauvel; Frankreich 14. Jahrhundert)

Die Nase hat den Karneval schon immer beherrscht. Sie betritt auch als erste die Bühne des Romans, und an ihrer Ausdehnung, so meinte schon Heinrich Schneegans, könne man die Potenz eines Mannes erkennen.

Sie ist allgegenwärtig in der Groteske; sie vergrößert und vergröbert, sie wird…

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