Titel: Bilder aus der DDR · S. 150
Titel: Bilder aus der DDR , 1990

Joachim Pohl

»DDR – Kunst – ein historisches Zwischenspiel?«

Zeit zur Besinnung bleibt kaum noch. Die Ereignisse überholen sich, ohne daß sie einzuholen wären.“ Auf eine denkwürdige und groteske Weise scheint dieser großtönende, ja surreale Ulbricht-Ausspruch aus den 60er Jahren seine verspätete Einlösung in der aktuellen Noch-DDR-Wirklichkeit zu erfahren.

„Überholen ohne einzuholen!“

Täglich, immer nachdrücklicher und nicht mehr verdrängbar zwängt sich in unser Alltagsbewußtsein die Frage, was ist noch wirklich an dieser DDR, was an ihrer Kultur und Kunst, was mit ihr, und was ist wirklich für sie?

Einstürzende Mauern bedeuteten uns verheißungsvolle Trümmer. Das, was sich im November auftat, war vielen hier im Lande das lang herbeigesehnte, nun faßlich gewordene Stückchen Freiheit. An Jüngstes Gericht und zusammenbrechende Welten dachte da noch niemand. Nun, ein halbes Jahr später, ist viel nachzusinnen und gründlich hinterherzudenken über DDR-Wirklichkeit und Wirkliches in der DDR, über Kultur und Kunst der letzten 40 Jahre im nun konkursierenden Phänomen „DDR“.

Zunehmende Gelähmtheit, Unintaktheit und Defunktionalität vor allem in Produktion und Verwaltung führten zu der so schnell kaum erwarteten staatlich-strukturellen Auflösung. Unvermeidlich wird damit auch die Verabschiedung bisher anerkannter und oft auch tragfähiger Kultur- und Kunstmodelle einhergehen. Gestandene, nicht selten scheinbar auf ewig festgemachte Kunstbegriffe, -strategien und -programme müssen ihre historische Abgelebtheit erfahren.

Wenn auch viele der hier gepredigten Lehren ins Wanken geraten sind und manche gepriesene Ideologiekonstruktion nun in sich zusammenfällt, sich eher als sinnentleert denn als paradigmatische, alleinseligmachende Erkenntnishilfe für Welt- und Kunstbegreifen erweist, bleibt wohl eine der anstudierten und mitgenommenen Thesen unbezweifelt: Die materiellen Verhältnisse bestimmen die geistigen. Das Ökonomisch-Strukturelle und…

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