Titel: Biennale Venedig , 1990

Michael Hübl

Werkstoff Welt

DIE BIENNALE UND IHRE MATERIALIEN

Oh Madonna!

Madonna hat es erkannt. „I’m a material girl in a material world“, behauptete sie vor einigen Jahren, da man sie noch als mickrige Morgenjoggerin madig machen wollte. Doch Madonna, diese Cindy Sherman der Pop-Musik, hat sich durchgesetzt. Heute steht fest, daß ihr Hit weiterreichende Wirkung zeitigte, als man ihrer dünnen Stimme zutraut. Er könnte den Erkennungssong der 64. Biennale di Venezia abgeben. Glänzender, größer, anspruchsvoller, teurer, edler, kostbarer – das Beste ist gerade gut genug auf dieser internationalen Kunstschau. It’s a material art in a material world.

Das Stoffliche als Maß aller Werke – darin liegt die Quintessenz dieser auf dreieinhalb Monate veranschlagten Begegnung aus Konzepten und Zufälligkeiten, aus Repräsentationsbedürfnis und Kunst, die heuer der „Dimension Zukunft“ (Dimensione futuro) gewidmet ist. Ein echtes 70er-Jahre-Thema, das beispielsweise auf der d 5 vor knapp zwei Jahrzehnten facettenreich und utopiefreudig ausgelebt wurde. In Venedig gibt’s davon wenig. Wer hier Aufbruchsstimmung und überraschende oder richtung- weisende Aussichten auf Zukünftiges erwartet, wird enttäuscht: No future. Also hält man sich an das, was greifbar ist – ans Materielle.

Das liegt um so näher, als die künstlerische Information offenbar in besonderem Maße an den Werkstoff gebunden ist. Es gehört zu den Merkmalen der Moderne, daß sie die Möglichkeiten der Kunst durch ungewöhnliche Materialien zu erweitern suchte. Insbesondere die Dadaisten holten Stücke aus der rohen, banalen, billigen Alltagswelt in die – nach traditionellem Verständnis – hehre Sphäre der Kunst. Ein Ansatz, der Jahrzehnte später von den Nouveaux Réalistes zu einer radikalen Methode ausgebaut…

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