Titel: Biennale Venedig , 1990

Pavillon BRD:

Reinhard Mucha und Bernd und Hilla Becher

VON DORIS VON DRATHEN

Wasserstraßen, Schienen, Lastwagen haben die sonderbare Eigenschaft, Orte aufzufädeln, eine Eigenschaft, die deshalb sonderbar ist, weil die Orte innerhalb dieses Verbindungsnetzes potentielle Ziele werden. Reinhard Mucha macht sich im Kunstbetrieb persönlich auch deshalb so rar, weil er seine Arbeiten nicht in irgendwelche Deutungssysteme zwängen würde. Allerdings legt er deutlich Köder aus, die dazu reizen, in seinem weitverzweigten „Schienennetz“ den Bezügen und Hinweisen nachzugehen, als wären es Ziele.

Zu diesen Hinweisen und Bezügen gehört die Auskunft, die Holzbohlen, die er zum flächendeckenden Wandobjekt geschient und hinter Glasvitrinen an die Innenwände seiner in den Pavillon gezogenen Kammer gebracht hat, stammen aus seinem Atelier, einem Raum, der früher einmal der Maschinenfabrik „Deutschland“ gehört habe. Ungläubig, daß eine Firma so heißen kann, liest man im Katalog neugierig und erfährt Näheres.

Und während man liest von dem „Musterbetrieb für Werkzeugmaschinen und spezielle Eisenbahnbedürfnisse“, während man sich wundert über solche Maschinen, wie den „druckluft-hydraulischen Aufgleiser“, mit dem allerorts entgleiste Züge wieder auf die Schienen gestemmt wurden, mit dem die Firma überall auf Industrie-Ausstellungen des dynamischen Bismarck-Reiches Auszeichnungen erhielt und als „Deutschlandgerät“ in die Geschichte des Betriebes einging und das heute in die Geschichte der Biennale eingeht, weil Mucha seine Installation so nennt, während man begierig weiterliest über benzolelektrische Triebwagen und Gasmotoren, über Erregermaschinen und Zahnradvorgelege immer weiter auf der Suche nach Aufschluß, beschleicht einen plötzlich das Gefühl, auf dem Abstellgleis die Abfahrt des Hauptzuges zu verpassen.

Und doch hat man erfahren, zumindest sich getrennt von dem Verdacht, der Atelierfußboden…

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