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Titel: Künstlerpaare · S. 220 - 220
Titel: Künstlerpaare , 1990

Anne & Patrick Poirier

Die makabre Ruinenlandschaft von „Ostia antica“, das von dem französischen Künstlerpaar Anne & Patrick Poirier (geb. 1942) scheinbar maßstabgetreu und ziegelgenau mit verbrannter Holzkohle der antiken Grabungsstätte nachgebildete Modell, wurde zu Beginn der siebziger Jahre als totaler Neubeginn, als europäische Kampfansage an den amerikanischen Formalismus der sechziger Jahre, begriffen und bewundert. Zweifellos hat sich in den plastischen Inszenierungen der Poiriers das kulturelle Selbstbewußtsein des Alten Kontinents, wenn auch kritisch gebrochen, wiedergefunden. Niemals jedoch ging es bei dieser romantischen „Spurensicherung“ … um Rekonstruktion von Geschichte, um wissenschaftliche Dokumentation, um die Fixierung historischer Tatbestände. Die Poiriers haben den Archäologen vielmehr gründlich ins Handwerk gepfuscht, deren gesichertes Wissen mit irrational-intuitiven Befunden verunsichert, das Gewußte ins nur Geahnte, ins Mythisch-Mögliche zurückverwandelt. Ihr Ziel war es und ist es, mit künstlerischen Mitteln unser akademisch verhärtetes Antikenbild aufzubrechen, die steril konservierten Orte zu Erlebnisfundstätten verwandeln zu lassen, so wie es noch zu Goethes Zeiten war, als die Antikenschwärmer durch die heiligen Trümmer der Götter und Giganten wandelten, an denen sich ihre Dichterträume entzündeten. (…) Auf ihren Expeditionen in die arkadische Vergangenheit haben die intelligenten Forscher versucht, der Tyrannei der Zeit, des guten Gedächtnisses zu entkommen und aus unserer Vergeßlichkeit künstlerisches Kapital zu schlagen. Der Zeit auf der Spur, mußten sie ihr gleichwohl Tribut entrichten. Sie scheuten die Gefahren des historischen Illusionismus. Dabei wurden ihre Arbeiten immer kühler, ästhetischer und kunstvoller. Sie zeigen heute entschieden mehr Formbewußtsein, demonstrieren intellektuelle Distanz zu den Originalen. Das Atmosphärische entsteht nicht mehr durch die täuschende Imitation von „echter…

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