Titel: Künstlerpaare · S. 124
Titel: Künstlerpaare , 1990

Catherine Grenier

L’artiste à deux têtes

Zwischen Giorgione und Tizian besteht eine mysteriöse Beziehung. Ihre eng mit einander verbundenen Namen weisen auf die berühmteste und wortreichste Auseinandersetzung um Zuschreibungen in unserem Jahrhundert hin. Der Prozeß mag einfach erscheinen: Zu Beginn stehen für ein Werk zwei Künstler zur Diskussion, von denen es dann einen auszuscheiden gilt. Aber die Verwirrung bei der Aufteilung der Urheberschaft wird bald unlösbar, weil sich dem Kunsthistoriker beide Arbeitsmittel, Geschichte und Stilanalyse, gleichzeitig entziehen. Da man die strittigen Werke nicht mehr unter dem Gesichtspunkt traditioneller Zusammenarbeit nach flämischer Art, nämlich strenger Arbeitsteilung, betrachten konnte, wurde die hehre Vaterschaft abwechselnd dem einen oder dem anderen aberkannt.

Wie wichtig oder nutzlos eine solche Zuschreibungsforschung auch sein mag, für uns ist lediglich relevant, daß sie durch ihre Komplexität die extrem enge Bindung zwischen Giorgione und Tizian offenbart hat: Diese zwei Großen der abendländischen Malerei waren sich zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Laufbahn so nahe, daß es heute weder mit intuitiven noch mit wissenschaftlichen Methoden gelingt, einige ihrer wichtigsten Werke richtig zuzuschreiben. Wenn man sich Gedanken über das Thema „Paar“ in der Kunst macht, ist man geneigt, bei diesen beiden Künstlern Spuren ähnlichen und gemeinsamen Reflektierens und Arbeitens zu finden, unabhängig von den diskriminierenden Kriterien des 20. Jahrhunderts, nämlich Originalität und Hierarchie. So erscheint die geschilderte Verbindung zwischen Giorgione und Tizian nur deshalb mysteriös, weil man sich beharrlich und vergeblich jahrelang bemüht hat, sie zu enträtseln.

Der schöpferische Augenblick ist so genial wie unpersönlich

Auch andernorts delektiert sich die Kunstgeschichte an der Schilderung von Verwirrspielen. So…

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