Titel: Über das Kanonische · von Rainer Metzger · S. 126
Titel: Über das Kanonische , 2002

RAINER METZGER

Attitude und Modernität

ASPEKTE DES KANONISCHEN IN DER KUNST DER LETZTEN JAHRZEHNTE

1. ELAINE STURTEVANT – MARCEL DUCHAMP – LUKAS CRANACH

Am Silvestertag des Jahres 1914, es ist ein Mittwoch und man befindet sich mitten im Großen Krieg, geht im Pariser Théâtre des Champs-Elysées ein seltsames Spektakel über die Bühne. René Clair inszeniert nach einem Drehbuch von Francis Picabia ein Stück names „Cinésketch“; es ist geteilt in drei Akte, eine Choreografie gibt es, getanzt von den Ballets Suédois, auch, und es treten Figuren auf, die später einen einschlägigen Namen tragen werden. Allen voran Marcel Duchamp, der sich im Anfangsbild des dritten Auftritts buchstäblich im Adamskostüm zeigt. Zusammen mit Bronia Perlmutter, der Geliebten Clairs, fügt er sich in Posen, wie sie Lukas Cranach für seine diversen Darstellungen von Adam und Eva vorgeführt hatte. Während seines Deutschland-Aufenthalts im Jahr 1912 hatte Duchamp diese Bilder kennen gelernt.

Duchamp und seine Kombattantin stellen also einen Klassiker der Kunstgeschichte nach. Tableaux Vivants sind dreidimensionale Versionen von Gemälden, und dies mag den Programmatiker des Ready made zu allererst an der inszenierten Aktualisierung des längst Musealen interessiert haben. Zum anderen, und darin liegt der spezielle Witz Duchamps, dachte sich Cranach seinerzeit einen Adam mit Bart; das große Vorbild Dürer hatte noch einen unschuldigen Jünglingskopf auf die nackte Männlichkeit gesetzt. Duchamps spätere Lieblingsbeschäftigung mit Geschlechterrollen – man denke an die Mona Lisa mit Gesichtshaar und die Selbstpräsentation als Rrose Selavy – konnte sich gerade hier an einem Vor-Bild entzünden, das ihm erlaubte, einen, natürlich falschen, Bart zu tragen; noch kurze Zeit…

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