Titel: Über das Kanonische , 2002

BEAT WYSS

KONTINENT VASARI

DIE INSTITUTION KUNST UND DER GEIST DES REGIONALISUMS

DER KANON ALS WANDERPREIS

Ende des 16. Jahrhunderts sank der Stern der Kunststadt Florenz. Ihre Vertreter bekamen zunehmend Konkurrenz von der Bologneser Schule. Für hundert Jahre stieg Rom zur Metropole auf. Schon der alte Giorgio Vasari war in die Schatten der Gegenreformation geraten; als 1568 seine zweite Auflage der „Lebensbeschreibungen“ erschien, hatten die Beschlüsse des Tridentinum bereits vier Jahre Gültigkeit. Den religiösen Bildern wurden Vorschriften gemacht, die der antikischen Liberalität Zügel und vor allem Bekleidung anlegten. Vasari hatte durchaus verstanden und den Kanon seiner „rinascita“ der neuen Rigidität angeglichen. Er verzichtete bei der Neuauflage auf die Apotheose Michelangelos, dessen Fresken in der Sixtina wegen anstößiger Nuditäten beinahe abgeschlagen worden wären.

Vasaris Vermächtnis verfiel einem fast achtzigjährigen Dornröschenschlaf, während seine Methode hingegen weiter wirkte. Die Kunstschriftsteller des 17. Jahrhunderts bedienten sich des Viten-Modells, um die Kunstgeschichte für die folgende Zeit fortzuschreiben. So befasste sich Giovanni Baglione mit den Leben der Künstler „vom Pontifikat Gregors XIII (1572) bis zur Zeit Urbans VIII (1642), Rom 1644. Auch war die Kunstliteratur für die Region Venedig in Blüte, die vom Toskaner Vasari, wie man ihm vorwarf, nicht gebührend gewürdigt worden sei. Carlo Ridolfi veröffentlichte 1648 die „Meraviglie della pittura veneziana“. Mit Marco Boschini trat um 1660 ein italienischer Kunsttheoretiker auf den Plan1, der erstmals nicht-italienischen Künstlern, Rubens und Velasquez, seine Anerkennung zollte. Ihm folgt Gian Pietro Bellori2: neben dem göttlichen Raffael und Annibale Carracci werden, wenn auch mit dem Monitum mangelhafter Zeichnung, die Flamen Rubens und van Dyck…

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