Titel: Über das Kanonische · von Monika Leisch-Kiesl · S. 64
Titel: Über das Kanonische , 2002

MONIKA LEISCH-KIESL

Kanon

Homers Odyssee, Goethes Faust, La Divina Commedia von Dante, William Shakespeares Hamlet und Hundert Jahre Einsamkeit von G. G. Márquez sind die ersten fünf des gemeinsam vom Nachrichtenmagazin „profil“ und vom „Treffpunkt Kultur“ des ORF im Dezember letzten Jahres vorgelegten Kanons der „50 Klassiker fürs Leben“. Eine siebenköpfige Jury, darunter Ilse Aichinger, Wendelin Schmidt-Dengler und Barbara Coudenhove-Kalergi, wurde von den Organisatoren bestimmt, eine für die gegenwärtige Situation adäquate Liste von Standardwerken der Weltliteratur zu erstellen. Da ein solcher, wenn auch von ausgewiesenen Fachleuten erstellter Kanon möglicherweise doch fragwürdig, weil zu autoritär, und damit nicht zeitgemäß erschien, wurde er durch eine Publikumsbefragung erweitert, wodurch zudem die Bibel, das Gilgameschepos und 1001 Nacht nach oben rückten. Kanondebatten wie diese – man denke etwa an die „ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher“ oder an den von Marcel Reich-Ranicki für den „Spiegel“ zusammengestellten Bücherkanon – spielen im gegenwärtigen Kulturbetrieb keine nur beiläufige Rolle. Auffallenderweise konzentrieren sie sich auf Literatur1 – man könnte ja ebenso nach einem „Kanon der 50 Filme fürs Leben“ oder nach einem „Kanon der Weltkunst“ fragen. Immerhin ließ Leonid Sokov in seinem Beitrag zur letzten Biennale in Venedig „The Shadows of Twentieth Century Sculpture“ auf die Wände des Russland-Pavillons fallen. Zunächst sah sich der Betrachter Ikonen der klassischen Moderne wie Tatlins Entwurf für das Denkmal der 3. Internationale, Picassos Ziege, Man Rays Cadeau und zahlreichen anderen einschlägigen Werken gegenüber – und konnte sein kunsthistorisches Wissen testen; er erfuhr sich als „gebildet“. Sodann mutete die auf einem Glasrondell aufgereihte Miniaturgalerie doch etwas ungelenk…

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