Titel: Über das Kanonische , 2002

ROSE-MARIA GROPP

Kanonisiert das Kapital?

SEHR PRAGMATISCHE ANMERKUNGEN ZU DEN LISTEN DES KUNSTMARKTS

Einen Kanon für die bildende Kunst zu schaffen, im Sinne einer verbindlichen Auflistung des Schätzenswerten, ist eine Aufgabe, der auf einer basalen, auf einer ganz banalen Ebene die Diversität des künstlerischen Ausdrucks und der Formen, in denen er sich artikuliert, entgegensteht. Lässt sich, auch das schon mit beträchtlicher Mühe, noch behaupten, dass – von der Bibel bis zu Bret Easton Ellis‘ „American Psycho“ – ein Buch immer etwas zum Lesen sei, so kann man ein Kunstwerk nicht ernsthaft als etwas zum Betrachten deklarieren und daran dann wie immer geartete ästhetische Kriterien exerzieren. Man denke hier nur an den Versuch, den Maßstab des „handwerklichen Könnens“ in Anschlag zu bringen – vulgo: „Picasso konnte eigentlich malen“ oder „Beuys war im Grunde ein begabter Zeichner.“ Die Krücke der „genialen Begabung“, dann gern angesichts der Überschreitung akzeptierter Ausdrucksformen eingesetzt, macht alles nur noch schlimmer. Derweil verzweifeln ernsthaftere Gemüter wieder neu am alten Werkbegriff (so Boris Groys in der F.A.Z. vom 1. August 2002 unter dem Titel „Das Werk ist Aussage. Die Rettung der Kunst liegt im Diskurs“).

Andere Versuche, die Leute auf den wünschenswerten ästhetischen Standard zu eichen, wurden und werden unablässig gemacht, zum Beispiel mit jedem neuen coffee table book zum Thema. So bildungsfördernd wie publikumsfreundlich waren die viertelstündigen Sendungen der ARD in den Siebziger Jahren unter dem Titel „100 Meisterwerke“ – denen dann eine weitere „0“ zuflog für „100(0) Meisterwerke“, in den Museen der Welt nämlich. Nun mag es ja sein, dass Museen…

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von Rose-Maria Gropp

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