Titel: Über das Kanonische , 2002

REINHARD STEINER

„Idea del tempio della pittura“

GIOVANNI PAOLO LOMAZZO UND DIE ENTSTEHUNG DES KUNSTLITERARISCHEN GENRES DER „KANONSCHRIFT“

Seriöse und altbackene Begriffe des wissenschaftlichen Diskurses mutieren in der kulturpolitischen Auseinandersetzung oft genug zu aggressiv klingenden Formeln. Der historisch vermittelte Sinn des Begriffs wird hegelianisch „aufgehoben“, er ist beseitigt und zugleich auf eine vermeintlich höhere Stufe gehievt, und unversehens wird aus ihm ein Kampfbegriff oder eine Nullnummer. Letzteres ist der armen Philosophie passiert, nachdem sie in die Umarmung der Unternehmen, des Verkaufs und sonstiger philosophieverdächtiger Bewerber geraten ist. Ersteres scheint neuerdings dem Kanon zu widerfahren, wenn vor den diversen modernen Tribunalen der Tugendwächter der eine als politisch inkorrekt disqualifiziert und kurzerhand ein anderer als wahrer proklamiert wird. Als wäre ein Kanon ein beliebiger Glaubensartikel, den man jederzeit und voluntativ (de)aktivieren könnte. Für die Sphäre der Kunst bzw. der Kunstgeschichte lässt sich paradoxerweise das exakte Gegenteil beobachten: da wird in sonorem Tonfall so getan, als gäbe es hier – wider alle Erfahrung der westlichen Moderne als perpetuum mobile des Regelbruchs – so etwas wie einen sakrosankten Kanon von Regeln und Klassikern, der kulturelle Identität garantiere.1 Indem diese Annahme als Gewissheit ausgeben wird, bugsiert man auch den Kanon der Kunst in die trüben Gewässer der politischen Korrektheit. Ohne eine Reflexion über Art, Funktion und Geltung des Kanon in der (Kunst-)Geschichte lässt sich darüber schlecht diskutieren. Allein deshalb ist es sinnvoll, einen etwas genaueren Blick auf diese Geschichte zu werfen.

I. Akzeptiert man einen Kanon als „jene Form von Tradition, in der sie ihre höchste inhaltliche Verbindlichkeit und…

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von Reinhard Steiner

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