Ausstellungen: Berlin , 2002

HANS-JÜRGEN HAFNER

seeyuatthepremierefair

Kongresszentrum, Berlin, 25.9. – 7.10.2002

Nach allen Seiten wuchert die opak-braune, leicht schimmernde Fläche: überdeckt Böden, auch wahrscheinlich zurückgelassenes Mobiliar in zwei aneinander grenzenden Räumen. Sogar nach Wänden und Türstock greifen die Paketbandfühler aus, tasten sich vor an der stylish-massiven Holzverkleidung, haken sich ein und werfen von dort aus expansiv Netze, bilden – so wie Algen ein Wrack überwuchern – eine organische architektonische Haut, bringen durch ihre gleichzeitig flüchtige Dominanz die Raumsituation zum schmelzen.

Tatsächlich spielt die Architektur des Austragungsorts von „seeyuatthepremierefair“ (Kurator: Harm Lux) mehr als nur die Rolle einer heiklen Rahmenbedingung; sie wandelt sich zu einer Art aktivierter Präsentationsumgebung, ja tritt sogar an die Stelle des primär atmosphärisch gedachten, dabei aber viel zu zerfaserten, an Synergieeffekte nur appellierenden kuratorischen Konzepts: nämlich als Klammer und polarisierewnde Messlatte. Grundsätzlich 60er Jahre-Flair, omnipräsente Holzvertäfelung und räumliche Zerstückelung in Treppenhaus, Säle und kleinere oktogonale Waben provozieren überwiegend sehr gelungene Eingriffe zwischen Anpassung (Michael Beutler, Alexandra Schlund) und Ignoranz (Gam Bodenhausen, Marije Langelaar), Affirmation und/oder Kritik, ohne dass die jeweilige Eigenständigkeit der Beiträge der rund zwanzig teilnehmenden KünstlerInnen davon überdeckt werden würde. Bestens behauptet sich z. B. die schleichende Scotch Tape-Okkupation „Come on Roll-on-over“ von Lucie Renneboog als anschmiegsame Widerständigkeit.

Miriam Böhm (Jg. 1972) unterzieht in und als „Statement“ (2002) die architektonische Situation einer Kritik der ironisch fragmentierten Bejahung. Ihre Diaschau ist, ans oktogonale Interieur gepasst, grundsätzlich als Ambiente-Loop erfahrbar: zeigt erst Bestandsaufnahmen, quasi eine Doppelung von Innenraum im Bild, die als schrittweise-behutsames Erzählangebot einem sichtlich handgemachten, dekonstruktiven Verfahren unterworfen werden; Surrounding aktiviert sich dabei…

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von Hans-Jürgen Hafner

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