Magazin: Publikationen · von Jochen Becker · S. 492
Magazin: Publikationen , 1996

Beschäftigungswunderwaffe

Hartmut Häußermann/Walter Siebel »Dienstleistungsgesellschaften«

Auf den Bahnhöfen warten wieder Kofferträger. Da die Deutsche Bahn AG alle für sie lästigen Angestellten ‚outsourced`, sprich an Subfirmen weitergibt, arbeiten die Männer in ihren knallroten Uniformen unter der Regie von Zeitarbeitsfirmen. So wird an Lohn und Sozialabgaben, Betriebsrat oder Arbeitsschutz gespart. Sieht so das künftige Beschäftigungswunder aus, von dem die Apologeten einer deregulierten Dienstleistungsgesellschaft sprechen?

Mit Bedacht wählten die beiden Stadtsoziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel den Buchtitel Dienstleistungsgesellschaften. Diese Terminologie soll hochqualifizierte Wertschöpfung – etwa im Finanzbereich – ebenso umfassen wie die Rückkehr der Dienstboten, welche Büros, Küchen und Kinder der Business Class zu versorgen haben. Die im Buchtitel gewählte Pluralform ist aber auch eine Fluchtbewegung: Die beiden Autoren können im „endlosen Kampf um die Definition“ ihr Sujet letztendlich nicht fassen, da die Kategorie Dienstleistung üblicherweise als „geräumige Schublade dient, in die alles untergebracht wird, was nicht Landwirtschaft und Industrie ist“. Die Liste der produktorientierten (Forschung und Entwicklung, Verwaltung und Management, Design, Werbung und Verkauf) oder konsumorientierten Dienstleistungen (Essenszubereitung, Reinigen, Körperpflege, Gesundheitsbehandlung, Bildung und Erziehung, Pflege, Betreuung, Freizeitdienste bzw. ‚Fun- Services`) ist lang.

Häußermann/Siebel nehmen im Laufe des Buches mehrere Anläufe, um den changierenden Themenkomplex einzukreisen. So wird bei der Literatursichtung beispielsweise Daniel Bells Veröffentlichung ‚Die nachindustrielle Gesellschaft` von 1973 genüßlich zerpflückt („Selten wohl hat ein so unausgegorenes und schlampig geschriebenes Buch so viel Furore gemacht“), oder passen höchst unterschiedliche Dienstleister-Statistiken einander an. Die zu Tertiärgesellschaften gewandelten Industrieländer USA und Schweden werden als zwei konträre Beschäftigungsmodelle in Bezug zur (alten) Bundesrepublik gesetzt. Schwedens Wohlfahrts-„Gesellschaft des öffentlichen…

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