Ausstellungen: London , 1987

Christiane Bergob

Brief aus London

Will man in London Kunst sehen und nicht sinnlose Stunden im Verkehr steckenbleiben, verzichtet man auf Auto oder Taxen und „untergräbt“ all die Staus mit der U-Bahn. Wer so unenglisch ist, ohne Lesestoff zu reisen, könnte eine ganz langweilige Fahrt vor sich haben, denn auch die sogenannten „kurzen“ Strecken sind für deutsche Verhältnisse schon kleine Reisen. Gerade weil hier jeder liest (England hat die höchste Lesequote der Welt), lassen sich kaum irgendwelche Gespräche belauschen, und draußen gibt es ja schließlich auch „Nichts“ zu sehen. Laut sind höchstens Touristen, die eh in unverständlichem Schwedisch, Japanisch, Australisch etc. sprechen. Bei den lautstarken Deutschen, die sich übrigens besonders durch „Schoßsitzen“ hervortun – auch in fortgeschrittenem Alter – kann es sogar oft nur leid tun, daß man verstehen kann. Jetzt läßt sich nur noch auf einen Glücksfall hoffen. Der berühmteste fängt ganz harmlos an.

Ein ganz englisch aussehender, also Anzug – gestreiftes Hemd – Krawatte tragender Mann steigt ein. Irgendwie bleibt seine Zeitung zwischen der Tür stecken. Er zieht und reißt ein bißchen, zieht stärker, reißt schon kleine Stücke ab und hängt schließlich an der Zeitung, bis nur noch Fetzen bleiben. Langsam schmunzelt es hinter den Lektüren, denn so ein Mißgeschick schenkt Freude. Der Mann sortiert jetzt seine Schnipsel, breitet alles auf dem Boden aus, raschelt und wendet, ärgert sich, läuft auffliegendem Papier nach und macht sich so lächerlich, bis auch der letzte Fahrgast merkt, daß es sich um einen Profi handelt, der mit subtilen Methoden seine Kunst zum besten gibt. Da…

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