Ausstellungen: München · S. 182
Ausstellungen: München , 1984

Brief aus München

Gegenwärtige Vergangenheit

Das Jahr 1984 hat in München mit einigen Ausstellungen begonnen, die unsere jüngste Vergangenheit zum Thema hatten. So war es möglich, sich einen in seiner Komplexität seltenen Einblick in die ersten 50 Jahre unseres Jahrhunderts zu verschaffen, obwohl die drei Museen, die schwerpunktmäßig das 20. Jahrhundert als Sammlungsgebiet haben, ganz oder teilweise geschlossen waren1: Die Neue Sammlung wird schon seit einiger Zeit renoviert, das Lenbachhaus bedurfte nach „Aktuell ’83“2 einer Wiedereinrichtung und die Staatsgalerie Moderner Kunst einer grundlegenden Neuordnung, weil sie 1983 65 Bilder und Objekte aus der Sammlung Wormland in Form einer Stiftung erhalten hat.3

Am 15. Februar war der große show-down. Es gab lange Gesichter, weil in der Staatsgalerie offensichtlich Stifter und Mäzene das Programm kräftig mitbestimmen und weil Generaldirektor Erich Steingräber immer noch nach zweit- und drittklassigen Italienern Ausschau hält, die dann den ohnehin recht knappen Platz beanspruchen. Der absolute Höhepunkt in dieser Ankaufspolitik ist ein Ensemble von Giulio Turcato. Bunte Stangen, die von surreal anmutenden ‚Gesichtern‘ gekrönt werden, sind als Wahrzeichen vor dem Haus der Kunst, wo die Staatsgalerie nach wie vor untergebracht ist, aufgestellt. Legitimiert wird das durch den Titel, der ,,Le Liberia“ lautet und auf den faschistischen Kunsttempel gemünzt wird. Die Freiheit allein aber macht noch keine gute Kunst.

Wenig spektakulär dagegen erwies sich der Einzug von Joseph Beuys in die geheiligten Hallen, auch wenn seine 44 Basaltblöcke „Das Ende des 20. Jahrhunderts“ ankündigen. Die Aggression richtete sich diesmal eindeutig gegen Erich Steingräbers Ankaufs- und Sammlungspolitik. Der Galerist Otto van de Loo warf…

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